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ForTHEBLIND INC.

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Plastik und Medizin

In gleichem Verlcige sind von demselben Herrn Verfasser in den letzten jähren erschienen:

Die Karikatur und Satire in der Medizin. Mediko-kumthistonsche

Studie. Mit lO farbigen Tafeln und 223 Abbildungen im Text. Hoch 4".

Kart. 24 Mark. Elegant gebunden 27 Mark

Die Medizin in der klassischen Malerei. Mit 165 in den Text ge- druckten Abbildungen. Hoch 4 ".

Geh. in Mappe 16 Mark. Elegant gebunden 18 Mark

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in 2010 with funding from

Lyrasis Members and Sloan Foundation

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Plastik und Medizin

VON

EUORN HOLLÄNDER

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Plastik und Medizin

VON

EUGEN HOLLÄNDER

PROF. DR. MED., BERLIN

MIT 1 TITELBILD UND 433 TEXTABBILDUNGEN

VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART

1912 ^^^

Das Übersetzungsrecht für alle Sprachen und Länder vorbehalten.

Copyright l'Jll by Ferdinand Enke, Publisher, Stuttgart.

Druck der Union Deutsche VcrlagsgeseUschaft in Stuttgart.

Gefördert wurden diese Studien in dankenswerterweise durch die Untersti'itzung des Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Seinem Beistande verdanke ich das be- sondere Entgegenkommen der Museumsverwaltungen im Auslande.

Folgende Institute und Museen haben mein Unternehmen ge-

fördert :

Generalvcrwaltung der Kgl. iMuseen

(Exzellenz Bode). Kaiserl. Deutsches Archaol. Institut tur ägypt.

Altertumskunde (Prof. Borchardt). Kaiserl. Deutsches Archäol. Institut in Rom. Kaiserl. Deutsches Archäol. Institut in Athen

(Prof. Caro). Die Antikensammlung, Berlin (Prof. \V i n n e-

feld, Prof. Zahn). Das Münzkabinett (Dr. Regling). Ägypt. Abteilung (Prof. Schäfer). Museum für Völkerkunde, Amerikan. Abtg.

(Prof. Seeler, Dr. Preuß). Museum für Völkerkunde, Indische Abtg.

(Prof. Grünwedel). Museum für Völkerkunde, Japanische Abtg.

(Prof. Kümmel). Königl. Sammlung für Deutsche Volkskunde

(Dr. K. Brunn er). Das Medico- Historische Institut, Leipzig

(Geh. Rat Prof. Karl Sudhoff). Das Medico-Historische Institut, Jena

(Prof. Meyer- St eineg). Das Kunsthistorische Institut, Florenz

(Prof. Brock haus). Kaiserin-Friedrich-Haus, Berlin

(Prof. R. Kutner).

The Free Public Museums, Liverpool (Dr. Clubb).

The British Museum.

.Vlusei e Gallerie Pontificie, Rom.

Museo Arqueologico Nacional, Madrid (Francisco A 1 v a r e z - O s s o r i o).

.\Iuseo e Biblioteca Guarnacci in Volterra.

ThorwaldsenMuseen,Kopenhag. (Hauberg).

Metropolitan Museum of Art, New York.

Archäolog. Museum, Florenz (Dir. Milani).

Victoria and Albert Museum, London (Eric Maclagan).

Schloßverwaltung der Barberini in Palestrina.

Evangelische Schule und Bibliothek, Smyrna.

Musees Imp^riaux Ottomans , Konstanti- nopel.

Kaiser- Wilhelms- Akademie für militär- ärztliches Bildungswesen (Exzellenz von S c h j e r n i n g) .

K. K. Blinden-Erziehungs-Institut, Wien.

Ägyptolog. Institut der Universität Leipzig (Prof. Steindorff).

K. Skulpturensammlung Albertinum, Dresden.

Altcrtumssammlung der Stadt Mainz.

Musees Royaux du Cinquantenaire, Brüssel.

National Museum, Athen (V. Staisl.

Athen. Münzkabinett (J. N. Svoronos).

Es unterstützten mich in derselben Richtun" die Herren:

Dr. Gustav Alexander, Wien.

Prof. Rieh. Andrea, München.

Dr. Kronfeld, Wien.

Geh. Rat Prof. Hirschberp;, Berlin.

Prof. W. A. Freund, Straßhurg-Berlin.

Dr. C. E. Daniels, Amsterdam.

Prof. N eeb, Mainz

Jean Capart, Brüssel.

Prof. Kastriotes, Athen.

Prof. Po litis, Athen.

W. Vogelsang, Utrecht.

Prof. Alexander Meli, Wien. Prof. Schiff, Wien. Prof. Kubitschek, Wien, Prof. Dr. Th. Wiegand, Konstantinopel- Berlin. Dr. Felix Regnault, Paris. Dr. M. Meyerhoff, Kairo. Dr. Hoffa, Rom. Dr. Arguropulos, Smyrna. Dr. Laßwitz, Konstantinopel. HerrE. Froeschle, Karlsruhe, als Korrektor.

Berlin, Dezember 191 1.

INHALT.

Seite

Allgemeine Einleitung i

Die medizinische Kunsthistorie, ihre Bedeutung, Aufgabe und Ent- wicklung.

Spezielle Einleitung 8

Die Heilgötter in der Mythenbildung der verschiedenen Völker.

Griechisch-römische Heilgötter 8

Asklepios, sein Geschlecht und seine Mythen H

Die Asklepieien II

Das Bildnis des Heilgottes 40

Die Rundstatuen

Der Typus seines Kopfes 73

Der thronende Gott 66

Seine Attribute und Embleme 81

Der Nabel 83

Der Stab 86

Die Schlange 87

Der Hund 95

Die Ziege 99

Der Hahn 99

Die Votivreliefs und andere anaglyphe Darstellungen der Asklepieien 103

Votivsteine mit der Darstellung der Opferszene 104

Der sogenannte Krankenbesuch des Asklepios 119

Das sogenannte Totenmahl 123

Andere Heilgötter und Heildämonen 125

Telesphorus i-5

Hygieia Mo

Epione '49

Janiscos ^50

Isis, Sarapis und andere Heilgottheiten ijS

Hera Artemis Eileithyia '59

Jesus Soter '65

Exvotos ^75

Antike Körper- und Organdarstellungen 175

Skelett ''^^

Eingeweide '^o

VIII INHALT.

Seite

Eingeweidesitus und -traktus 200

Die ältesten Darstellungen der Leber 214

Körperexvoto aus Griechenland 215

Die \'otivopftr gesunder und kranker Gliedmaßen aus neuerer Zeit 220

Allgemeine Körperdarstellungen 236

Mode und Künstlerstil 2^6

Hermaphroditen 247

Adam und Eva 255

Schwangerschaft 259

Die Geburtsdarstellung 267

Krankheitsdarstellungen 28 1

Antike Exvotos mit Krankheitsdarstellungen 286

Brüste 299

Gesichter 302

Extremitäten 5'^5

/^Augen 308

Ohren 309

Genitalien 3^2

Porträtstatuen 3 ' 6

Böser Blick und Buckel 32J

Groteskköpfe 33'

Masken und Verwandtes 333

Zwergenwuchs 33"

Bes— Pataikos— Ptah 345

Satyrspiel und Komödie 55^

Dämonische Krankheiten, Alkohol, Wahnsinn 354

Die Skulptur der Blindheit 3^7

Die anthropomorphen altperuanischen Terrakotten 391

Verletzungen und Verwundungen 44"

Instrumentenkasten und Schröpfkopf, die antiken Wahr- zeichen ärztlicher Kunst 448

Heilhandlung, Hygiene, Bad 4^8

Die Inkubationsheiligen und Patrone der Ärzte 500

Monumente, Embleme und Krankenhausschmuck .... 527

Literaturverzeichnis 57-

EINLEITUNG.

|g5S3^eistungen irgendeiner künstlerischen Art, sei es, daß es sich t ^^^' "■"" '■^''"' Schöpfung eines Dichters handek oder um eine P ^^^^t bildnerische Gestaltung, sollten von dem Gebildeten, auf den sie einwirken, ohne Erklärung empfunden und verstanden werden. Das erklärende Plakat ist von Wert tür denjenigen, der ein Neuling ist und in die W'erkstätte eines Künstlers noch nicht hineingesehen hat; der Kenner aber genießt und würdigt auch ohne Unterstützung des Katalogs und die Führung durch die Sterne des Baedekers. So ist es auch innner ein Zeichen der Schwäche, einleitend den Sinn und den Zweck eines Buches angeben zu müssen. Es ist das so eine Art von Selbstanpreisung, und allzu leicht kommt der Autor in den W'rdacht, daß er das unbequeme Gefühl hat, sich entschul- digen zu müssen. Ein in sich abgerundetes und einheitliches Werk mag eines Prologes entbehren, aber ich selbst muß diese Krücke benutzen, weil ich hier in einem Bande Dinge vereinige, die zeitlich und räumlich wenig miteinander zu tun haben, welche, heraus- gerissen aus verschiedenartigen Disziplinen und Epochen, nur etwas gemeinsam haben: Innerlich den festeren oder loseren Zusanmien- hang mit der Medizin, äußerlich die plastische Form und das körper- liche Gefüge. Es kommt hinzu, daß dieses verschiedenartige Rohmaterial nicht dadurch innerlichen Halt erfährt, daß es das Forschungsergebnis einer Fland ist. \'ielmehr stützt sich diese mediko-historische Studie aut verstreute Vorarbeiten. Was jedoch vielleicht diese Studien und Referate aus den verschiedensten Kultur- zentren, aus heterogenster Lebensauffassung und Kunstwerkstätten außerdem noch zu einem Ganzen verkittet, ist vornehmlich der Zweck dieses Buches. Ihm ordnet sich harmonisch alles unter. Dies Buch

Holländer, Plastik und Medizin. ^

EINLEITUNG.

gehört in erster Linie dem deutschen Arzt, ihm, der im täghchen Schaffen seiner menschentreundHchen Arbeit und wissenschaftlichen Forschung nicht die Ruhe und Muße findet zum Studium der Ge- schichte seines Standes; ihn will es bekannt zu machen versuchen mit den Ergebnissen medizin-historischer Einzelforschungen. Dies Buch setzt die Bestrebungen fort, die künstlerischen Dokumente zu sammeln, um unter ihrer bildlichen \'orführung gewisser- m a ß e n A n s c h a u u n g s u n t e r r i c h t in der Geschichte de r Medizin zu geben. Entrollte »die Medizin in der klassischen Malerei« mit Bevorzugung Szenen aus dem i6., 17. und 18. Jahr- hundert, ließ »die Satire und Karikatur« zum Teil etwas frühere medizinische Zeitgeschichte erstehen und gab Ausschnitte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, so tühren wir mit diesen Untersuchungen den Arzt in die Zeiten der Antike. Aucli hier lag wieder der be- sondere Reiz in der Sammlertätigkeit an Ort und Stelle und der wissenschaftlichen Bearbeitung der meist ja archäologisch schon beschriebenen Objekte der Weltmuseen im medizin- historischen Sinn. Die kritische Beurteilung der Fachleute bestätio;te mir den Wert solcher Studien. Nur wenigen \'oreingenommenen galten diese medizinischen kunsthistorischen Studien nichts; sie waren im Wahne, daß man aus ihnen nüchterne, praktisch verwertbare Er- kenntnisse extrahieren könne, für die es Kassenbons gibt. Sie verlangten bei der Betrachtung der Rembrandtschen Anatomie eine Erweiterung ihrer Kenntnisse in der Armmuskulatur, und aus der gelegentlichen Krankheitsporträtierung eine Bereicherung ihrer medi- zinischen Diagnostik.

Die Bewegung der mediko- artistischen Studien, die durch Charcot und seine Schule ihre Wiedergeburt feierte, geht in ihren Anfängen weit zurück. Die größere klassische Bildung, die Zu- gehörigkeit zu mehreren Fakultäten brachte es von selbst schon mit sich, daß die medizinischen Professoren des 16. und 17. Jahr- hunderts und auch gelehrte Ärzte, namentlich der süddeutschen

EINLEITUNG.

freien Städte, ein größeres Interesse an den Kitnsterzeugnissen hatten, und diese gelegentlich zu ihrem engeren medizinischen Fache in Beziehung brachten. So hat schon der alte Xürnhcrgtr Stadtarzt Michael F. Lochner von Hummelstein, zu Fürth 1662 geboren, sich aus den Darstellungen der Antike Anregungen tür seine pharma- kologischen Studien geholt. Dies kommt zum Ausdruck in seinem Werke »Papaver ex omni antiquitate erutum, gemmis, nummis, statuis et marmoribus aere incisis illustratum, Xürnberg 17 13«. Für die damalige Zeit stellt dieses Buch mit seiner reichen bildnerischen Ausstattung für das spezielle Gebiet bereits ein trefl liebes Beispiel ähnlicher Bestrebungen vor. Unter der Zahl der kunstgelehrten Ärzte, welche sich vornehmlich mit Numismatik beschäftigten, er- wähnen wir den Helmstedter Professor Heinrich Meibom be- sonders deshalb an dieser Stelle, weil er sich eingehend dem Studium der o-riechischen und römischen Heilgötter auf Münzen und Medaillen hingab und damit wohl als erster die Spezialität »Medicina in nummis« pflegte. Auch erwähnen wir die Beschreibung einer ber- linischen Medaillensammlung der Gedäcbtnismünzen berühmter Ärzte, in welcher verschiedene Abhandlungen zur Erklärung der alten und neuen Münzwissenschaft, »im gleichen zur Geschichte der Arzneigelahrtheit und der Literatur eingerückt sind«. I.C.W.Moehsen, des Joachimsthalschen Gymnasii bestellter Medikus, hat diese fleißige Arbeit mit dem langen Titel, in der eine außerordentliche Arbeit steckt, verfaßt, und durch ihn erfahren wir, daß schon der erwähnte Loch n er, offenbar angeregt durch seine Spezialstudien über den Mohn, auch den erweiterten Plan zu einem Werke dieser Art unter den Händen hatte, «Die Historia medica nummaria, seu de Honore Medicis olim et nuper habito, Xummisque et Statuis iisdem cusis et erectis«. Das ALmuskript hierzu scheint aber verloren gegangen zu sein. Die Beziehungen zwischen der Medizin und der dar- stellenden Kunst hat der Göttinger Professor Karl Friedrich Heinrich Marx im Jahre 186 1 in einer Akademiearbeit im

EINLEITUNG.

lo. Bande der Abhandlungen der Göttinger Königl. Gesellschaft der Wissenschaften verfolgt. Doch die medizinischen Aphorismen zur Kunst- und Kulturgeschichte, die Marx mit genialer Begabung hinwarf, landen wenig Anerkennung. Es lag dies offenbar daran, daß den Zuhörern dieses ganze Gebiet fernlag, und die damalige Technik der Reproduktion es noch nicht in dem Maße ermöglichte, durch eine beigegebene Abbildung Interesse zu erwecken. Es war der französischen Schule unter Charcot vorbehalten, in dem tür Kunst an und tür sich emptänglicheren Eande die Autmerksamkeit und die Mitarbeit der Mediziner tür diese künstlerische Seite der Medizinhistorie zu erwecken und anzuregen. Dieser Schule ver- danken wir in der »Iconographie de la Salpetriere« eine ununter- brochene Reihentolge von Publikationen, und RichersW'erk »E'Art et la Medecine«, das sich auch aut Skulpturen stützt, ist gewiß der wertvolle Extrakt dieser Artikeltolge.

Nachdem ich in Deutschland zuerst mit der »Medizin in der klassischen Malerei« den Reigen dieser mediko-artistischen Studien eröffnete, sind mir viele aut dieses blumige Grenzgebiet gefolgt und haben auf ihm schöne und wertvolle Erüchte gepflückt. Sie ver- folgten dabei den Gedanken, den aut anderen Gebieten schon ge- lehrte Eorscher erfüllt hatten, Botaniker, welche auf alten (jemälden Pflanzenkunde studierten, und Zoologen, die den Tierschilderungen vergani^ener Kunstepochen nachgingen. Während nun namentlich die medizinischen Spezialarbeiten auf graphischer Arbeit basieren und vor allem Malerei und Karikatur berücksichtigten, ergibt sich aus dem von uns in diesem Werke bearbeiteten ALiterial eine un- vergleichlich größere historische Breite, welche uns sogar den Zeiten zuführt, vor denen die (jeschichtskunde halt machen muß. Ar- chäologische Eunde führen uns in die Kinderstube der Heilkunst, in der ein heiliger Mann, meist mit der Rute in der Hand, schaltete. Diese Priestermedizin schuf sich allmählich in den Asklepieien eine W^irkungsstätte mit dem monumentalsten Hintergrund; die Marmor-

EINLEITUNG.

trümmer dieser Kultstätten werden wir sammeln und studieren. Diese Aufgabe ist deshalb so überaus reizvoll, weil sie der Hinter- lassenschatt des Volkes entstammt, welches der W'elt das Schön- heitsideal schenkte. Mit dem Studium der eingeborenen Attribute des hellenischen Heilgottes bereichern wir unsere Kenntnisse der medizinischen Symbolik und Emblemkunst. In der weiteren \"er- folgung des Ausganges des gräkolateinischen Gottesdienstes, der zuletzt pantheistische Form annahm, begeben wir uns zu einer lii-ichtigen Betrachtung des Übergangs heidnischer Darstellungen und Gebräuche aut den christlichen Kult und damit zu den Inkubations- heiligen und zu den Patronen der Medizin. Ein intimes Studium der Weihgeschenke in Körpertorm sowohl heidnischer wie christ- licher Religionskulte führt uns hinüber zu dem bisher zerstreuten Material der plastischen Schilderung antiker krankhafter Körpertorm. Wir suchten namentlich der ursächlichen Bedeutung dieser auf den Grund zu kommen und streiften damit abergläubische \'orstellungen der antiken Welt, deren Reste und Spuren noch heute massenhatt an die Oberfläche kommen. Eine \'orbedingung aber für diese »plastische Pathologie« ist die Kenntnis der allgemeinen Körper- darstellung in ihrer durch Mode, Künstlerstil und Technik ewig abwechselnden Ausdrucksweise. Die Skulptur des »Hermaphrodi- tismus«, der »Schwangerschaft«, des »ersten Menschenpaares« und der »Blindheit« landen eine eingehende Betrachtung. Eine Exkursion zu den Töpferwaren der Altperuaner zeigt uns die Krankheitsbildner par excellence aus vorkolumbischer Zeit. An der Fülle dieser eigen- artigen Krankheitsdarstellungen studieren wir nicht nur die Spezial- diagnostik mit Rücksicht auf den eventuellen amerikanischen Ur- sprung der Svphilis, sondern wir lernen an diesen vollkommen anonvmen Kunstwerken auch die Schwierigkeit und die Grenzen der Krankheitsbestimmung aus der reinen Form überhaupt kennen. Es folgt sodann das Kapitel der Heilhandlung, sowohl der ärztlich- operativen wie der kirchlich-symbolischen. Das antike Wahrzeichen

EINLEITUNG.

der ausübenden Heilkunde, der Schröptkopt und Instrumentenkasten, interessiert in demselben Grade wie der kurze Blick in die Pro- phylaxe der alten Welt: das Bad und seine Einrichtungen. Zum Schluß dieser medizin-historischen Betrachtungen plastischer Kunst- gegenstände bieten die über die ganze Welt zerstreuten Denkmäler von Ärzten und Xaturtorschern die leider noch sehr lückenhafte Unterlage einer monumentalen Ikonographie der Medizinheroen. Der x'Vnblick einiger alter Krankenhäuser mit ihrem architektonischen Schmuck und sinngemäßen Supraporten berechtigt zu dem Bedauern, daß die modernen Krankenhauspaläste in ihrer übermäßiger Nüchtern- heit tür die Entwicklung dieser Schmuckart nichts getan haben.

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

ic Medizin ist ein Attribut der Gottheit, der Mediziner, göttergleich oder wenigstens ein Diener des Gottes selbst. Der Arzt, seine männliche und weibliche Dienerschaft, die Statte seiner Tat, Teil und Bezirk der Klerisei. Das ist ein beinahe bei allen Kulturvölkern anerkanntes Frühstadiuni ärztlicher Standesentwicklung. »Der theurgisch- mystische Charakter be- herrschte die Medizin aller Völker während der Periode ihrer frühe- sten Kulturentwicklungcc (Pu seh mann). Je nach der geistigen Veranlagung und dem Charakter des Wilkes variierte der Inhalt des medizinischen Religionsdienstes. Offenbar spielte hierbei die größere Rolle nicht die Demut und die Hingabe des Volkes, sondern der Fanatismus, die Begehrlichkeit und die Kenntnisse der Priesterärzte. An ihnen lag es, wenn bei dem einen Volke der erzürnte Gott für den Nachlaß einer Seuche und Plage blutige Menschenopfer ver- langte, oder wenn der Krankheitsdämon nur durch Schläge, üble Räucherungen und andere Schrecknisse davon abzubringen war, seine Opfer loszulassen. Ging solchen wilden Gang die Phantasie des einen Volkes, das in den Göttern nur die strafende und deshalb manchmal auch listig und sogar betrüglich abzulösende Macht sah, so bereicherte sich die medizinische Priesterklasse anderer Volksstämme dadurch, daß sie sich für die Vollstrecker einer heilenden Macht, als die Abwehrer des Mißgeschicks ausgab, an Gold und ^^'issen. Es ist von vornherein ersichtlich, daß diese letztere Klasse als Ver- treter eines Helfers notwendigerweise ärztliche Funktionen ausüben und Kenntnisse erwerben mußte, und daß sie in ihrem Entwicklungs- gange von den mystischen Beschwörungsorgien aut die Bahn der em- pirischen \'olksmedizin gedrängt wurde. Auf dem \\' ege eines theur- gisch-empirischen Heildienstes wurden wohl auch gelegentlich Priester

8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

der Heilkunst, die sich durch besonders glückliche Heilhandlungen be- währt hatten, nach ihrem Tode heroisiert und selbst wieder verehrt.

Für die spätere Entwicklung der verschiedenen Völkerstämme ist es auch in religiös-dynastischer Beziehung eine interessante Stich- probe, wie die Legendenbildung sich die lokale Urgeschichte ihrer nationalen Heilkunde formte. Asklepios z. B., der Begründer griechischer \'olksmedizin, wurde später von den Hellenen unter die Götter versetzt. Sie wußten seine Gestalt mit so viel männlicher Heroenschönheit und Innerlichkeit zu bilden, daß seine Idealgestalt, umgeben von Familiengliedern, geschmückt mit den x^ttributen seiner Kratt, noch heutzutage der künstlerische Ausdruck für den göttlichen Gedanken in der Medizin aller europäischen Kulturvölker geblieben ist. In dieser Beziehung kann man von einem Siege der Antike über den christlichen Gedanken sprechen.

Die Chinesen, leidende Sklaven einer ultraimperialistischen Idee, erkennen als Begründer ihrer eigenartigen Heilkunde den halb- mvthischen Kaiser Shinnong an, der ungefähr um das Jahr 3216 V. Chr. regiert haben soll. Wm ihm berichtet die Überlieferung, daß er persönlich alle Pflanzen durchkostete und sie nach Heilkraft und Giftwirkung schied. Die Akupunktur wird als kaiserliche Er- findung dieses Mannes ausgegeben.

Es darf nicht wundern, daß der Ärztegott der Ägypter in einem Lande, in dem die Astronomie die hohe Entwicklung erreicht hatte, in der ältesten Zeit gleichzeitig Mondgott war. Von Ütele berichtet, daß nach der altägyptischen Mythe der Ärztegott Thout (Thot) alle \\^rlagen für die späteren .Medizinbücher eigenhändig geschrieben und verfaßt habe. Zwischen Mvthe und Historie stehen die drei ersten Dvnastien Ägyptens. Angeblich haben diese Be- gründer der ägyptischen Königsdynastie große ärztliche Kenntnisse besessen und waren Verfasser anatomischer und physiologischer Bücher. Zosersa (dritte Dynastie), der in .Memphis residierte, erhielt den Namen Imhotep als ägyptischer Asklepios.') (Fig. i.)

') S. auch Kurt Sethe, Imhotep der .\sklepios der Ägypter, ein vergötterter .Mensch aus der Zeit des Königs Doser. Leipzig 1902, Untersuchungen zur Geschichte und .\ltertums- kunde .Ägyptens, Bd. II.

PERSER. JUDEN. INDER.

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Bei den Persern und Medern geht eine Art von Phar- makotherapie aut den Namen des Zarathustra (Zoroaster) zurück. Auch bei ihnen stand die Medizin ganz im Banne einer religiösen Bevormundung. Ihr Grundgedanke war die Anschauune; des Un- reinen jegUcher menschhchen Aus- scheidung. Die angebHche Ohn- macht der ahpersischen Heilkunde erkennt von Öfele') an dem Tode der Schwester des Cambvses durch einen traumatischen Abort, an dem Tode des Cambvses selbst infolge einer infizierten Fleisch wunde, an der Hiltlosigkeit bei der Sprung- gelenksluxation des Königs Darius und dem Ahmmiaabszeß der Kö- nigin Atossa. Ähnlich wie bei den Persern liegt auch bei den j u d e n die erste Medizingeschichte in ihrer Religion begraben. Alles geht aut den Pentateuch zurück und die Offenbarungen, die Mose auf dem Sinai ertuhr. Bei ihnen waren die Priester und Propheten die Heiler.

Über die Originalität der i n- d i s c h e n H e i 1 k u n d e") bestehen große Meinungsverschiedenheiten. Ihr Antang ist jedenfalls auch ein rein theurgischer. Gebete und iMa- gie beherrschen die vedische Kunde. Als Vermittler treten bei den alten Vedas die Asvins, die roß- gestalteten Himmelsärzte, auf. Auf ihren dreirädrigen goldenen Wagen fliegen sie zur Erde, um kranke Menschen zu heilen, die

') V. Ofele im Handbuch von Th. Puschmann. Jena 1902.

-) Iwan Bloch, Indische Medizin in Th. Puschmanns Handbuch der Geschichte der Medizin (s. dort die Gesamtliteratur).

Fig. I. Imhotcp, ägyptische Bronze.

1 o DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

Fruchtharkeit der Frauen zu hetördern und das Leben durch Arzneien zu verlängern. Auch als Chirurgen genießen sie einen großen Rut. Sie verstehen es, abgeschlagene Köpfe mit Erfolg wieder anzusetzen, heilen die Armlähmung des Indra und sind auch die Arzte der übrigen Götter. Von ihnen ging die Kenntnis des heiligen Opter- trankes, des Sona, aus, der den Genießer unsterblich macht.

Auch bei den alten Germanen schwankte jegliche Heilkunst zwischen Kräuterkunst, Stein- und Runenzauber, und bei ihnen und auch den indischen Ariern genoß der durch bloße Zauber- und Bannworte heilende Arzt weit größeres Ansehen als der mit dem Steinmesser heilende Schnittarzt; und später noch, als die Germanen die griechisch-lateinischen Medizinbücher bereits in ihre Muttersprache übersetzt hatten, zogen sie einheimische Kräuter den indischen Drogen und römischen Instrumenten vor. Der Stein- zauber, die Heilkraft des schneidenden Steins svmbolisierend, ver- wandelt sich in das mit Runenzeichen geschmückte Amulett, das sich schon in den prähistorischen Gräbern findet. Allvater \Witan war der Heilgott, der die Nachtelten und die Krankheiten abwehrte. Er vertrieb mit seinem einen Auge, der Sonne, die Xachtschaden und Krankheitsdämone. Die erste Aufgabe des altgermanischen Medizinmannes war das Austreiben der bösen Geister und das Verjagen der Krankheitsdämonen in den Wald oder in sein Zauber- gerät, in die Fetischkröte. Um die Götter zu versöhnen, gab es nur Bußgaben und blutige Opfer. Der zauberkundige nordgermanische Medizinmann trug sein Zaubergewand und den Zauberstab; Pferde- zähne, Luchskrallen, Luttröhren der \"ögel, ^^"irbelknochen der Schlangen, Knochen der Toten, Kieler der Eichhörnchen, Bernstein und Feuerstein beherbergte seine Ledertasche. Sein Name sei »Laecknari«, Lachner, gewesen. Mit seinem Heiltinger machte er ein Mennigmal auf die schadhatte Stelle und unter Beschwörungs- formeln markierte er den Sitz des die Krankheit verursachenden Dämon. Ein Zauberspruch begleitete die Berührung. »Astrunen sollst du kennen, ehe du willst Lachner werden«, lehrte Siegtraut den Siegfried. Neben dem feierlichen Krankheitssegen verscheuchte

GERMANEN. i i

der Lachner durch hiutes Geschrei, durch gellen Laut als Galler oder Galsterer die Dämone, wie man umgekehrt auch durch Be- schreien und Berufen imstande war, Krankheiten hervorzurufen. Ale- mannische Gefi^ngene rühmten sich, durch Zauherwort den römischen Kaiser Caracalla wahnsinnig gemacht zu haben. Laute Lieder und Rufe begleiteten die Geburt; das xMitweib singt gewaltige Weisen den Gebärenden zum Beistand. Nutzten die Schrei- und Droh- worte nicht, so ging man dem krankmachenden Dämon unter Um- ständen mechanisch zu Leibe, d. h. man verprügelte den Kranken. M. Hötler'), dem wir diese Mitteilungen entnehmen, meint, daß sich aus diesen Prügeln allmählich die AL^ssage entwickelt habe. Jedenfalls war der Aber- und Wunderglaube bei diesem \\ilke so ins Blut übergegangen, daß auch eine zweitausendjährige Erziehung diese Neigung nicht bannen konnte. Auch heute noch liebt es zuweilen der Deutsche, bevor er sich einem Jünger des Hippokrates anvertraut, vorher einen Versuch zu machen mit dem Runengesang einer Gesundbeterin und dem heilenden kinger und dem Kräutersud eines naturheilkundigen Schusters.

Die größte Bedeutung für die Entwicklung der modernen Medizin liegt nun in der griechischen Heilkunst, nachdem im frühen Mittel- alter die zu einer Wunderblume erblühte a rabisch- j ü di sehe Medizin ihren Duft zwar über das ganze Abendland verbreitet hatte, aber nicht imstande war, reife Früchte hervorzubringen. Die Renaissance grub griechische Weisheit und vor allem auch griechische Schön- heit aus. Und die plastischen Denkmale, die die Hellenen ihren Heilgöttern setzten, halten noch heute die Erinnerung lebendig an ihren Heilgott und seine Heilstätten.

ASKLEPIOS UND SEINE HEILSTÄTTEN.

Bevor wir uns dem Genuß einer Betrachtung der hehren Männer- gestalt des bartlosen Vaters bärtigen Sohnes, des Asklepios, hin- geben, und den vollendeten Typus betrachten, den der Meißel der

') M. Höfler-Tülz, Altgermanische Heilkunde.

1 2 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

besten hellenischen Kunstepoche schui, bevor wir uns ein Bild zu machen versuchen von den Heilstätten und Tempeln, in denen seine Säule verehrt wurde, müssen wir es unternehmen, uns von der Lebenso-eschichte dieses Mannes einen Umriß zu zeichnen.

Die Wie2:e dieses Gottes stand im Mvthenlande. \"on den vielen Überlieferungen der Herkunft seiner \'erehrung weisen drei allein nach Thessalien. Die eine Sage nennt ihn den Sohn des Lapithen- königs Ischvs. Auch seine Söhne Machaon und Podaleirios stammen aus Trikka, wo übrigens nach Strabo auch die älteste Kultstätte des Asklepios gewesen sein soll. Erst später wird Apollo, der Sonnen- gott und gleichzeitig der Götterarzt, zum Vater des ganzen Ge- schlechts gemacht (s. Pausanias VII. 23)'). Mit Aigla, der sonst Unbekannten, erzeugte er den berühmten Sohn. Diese \'ersetzung des Asklepios unter die Götter datiert zurück über das fünfte Jahr- hundert hinaus. Seine erste Gemahlin ist Epione, die Schmerz- linderin; aus der Ilias als Wunderheiler besonders bekannt und rühmend erwähnt, sein Sohn Machaon, gewissermaßen der erste Spezialist für Chirurgie, während der andere, Podaleirios, auf dem Gebiete der inneren Diagnostik Hervorragendes leistete.

Am deutlichsten tritt diese Mythenbildung, die sich um die Familiengeschichte des Arztes rankte, aus der Benennung seiner Töchter hervor. Neben der jungfräulichen Hvgieia, deren ^'er- ehrung von der peleponnesischen Stadt Titane aus ihren Ausgang nahm, ist am meisten bekannt Panakeia, »das Allheilmittel«, Jaso, »die Heilung«, Ak'eso, »die Rettung«. Auch Machaons Söhnen werden besondere Heillunktionen (z. B. Errettung vom Ertrinken) zugeschrieben. So sehen wir, daß in der Spezialisierung dieser Götterfamilie für einzelne Krankheitsgruppen schon das antike Vor- bild gegeben ist, für die abenteuerliche Entwicklung der Krankheits- patrone und heiligen Krankenheiler der katholischen Kirche.

Anders die epidaurische Überlieferung. Sie läßt Asklepios nicht als Fremden ins Fand kommen, sondern erblickt in ihm einen ein- heimischen Gott, dessen Geschlecht der Fandschaft entsproß. Die

') Pausanias Beschreibung von Griechenland. Übersetzt von J. 11. Schubart.

ASKLEPIOS.

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besondere Genealogie unseres Gottes erfahren wir aus einem in- schrittlichen Funde des Hiercm zu Epidauros. Der Dichter Isyllos von Epidauros') erzählt der Überlieferung seiner Vorl^ahren folgend, daß Zeus die Muse Erato dem Malos zur Gattin gegeben. Aus diesem Geschlecht entstammt Aigla, die aber ihrer Schönheit wegen Koronis zubenannt wurde. Im Hause des Malos nahte ihr in Liebe Phöbus, und der Sohn des Apollo erhielt den Xamen Asklepios. Malos selbst erscheint in einer anderen Inschrift als Begründer des Kults des Apollo Maleatas, dessen Heiligtum 1896 wieder aufgedeckt wurde. Pausanias, unser Hauptgewährsmann in diesen Dingen, erzählt eine Überlieferung, die zu seiner Zeit bei den Epidauren noch in Umlaut war (Paus. II. 26). Koronis, von Apollo schwanger, konunt mit ihrem \'ater Phlegyas aus der Fremde in die Peloponnes. Sie setzt ihr Kind aus aut dem Berge Titthion (Zitze). Hier wird es von den aut dem Berge weidenden Ziegen gesäugt und von dem Schäferhunde bewacht (die späteren Attribute des Gottes). Als der Hirt Aresthanas das Kind hndet, erstrahlt vom Knäblein aus heller, göttlicher Glanz (d. i. Aigla) und schreckt ihn zunächst zurück. Sofort verbreitet sich über Land und Meer die Kunde, daß dies Kind Kranke heilen und Tote erwecken werde. Man beachte die anklingenden überirdischen Phänomene bei der Geburt anderer Gottessöhne.

Eine Münze mit der Darstellung der Auf- f f

findung des an der Ziege trinkenden Gottes ist ' r--.- '' '

abgebildet bei Panofka-) (siehe nebenstehende - ^"T^^

Fig. 2). Dieser erwähnt in seiner Arbeit »Askle- ^. ,, ""

*■ -^ l-ig.2. ,\lui; , :iiymen.

pios und Asklepiaden« eine andere Legende. Da- Auffindungdesjungenanderziege

*" trinkenden Gottes durch den Hir-

nach hatte der Gott zunächst den Namen Epios, '" -'^'«"^''"='=-

der Sanfte, der Milde. Erst nach glücklicher Behandlung des Herr- schers von Epidauros, Askles, erhielt er seinen späteren Namen. Robert Fuchs, der beste Kenner dieser Dinge, hält die Deu-

') V. W il am owi t z-M ül lendo I ff, Heft 9 der Philol. Untersuchungen Isyllos von Epidauros.

-) Panofka, Abh. der künigl. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1S45, Taf. I, i u. 2

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tungsversuche des Namens für unbefriedigend. Aisclapius lautet der Name auf einer etruskischen Schale, woraus durch Vokalein- schaltung der Äskulapius der Römer wurde. Ionisch -attisch ist Asklepios mit der Betonung auf der letzten Silbe. Unter dem Protest der /Athener soll Demosthenes die Akzentuation aut das e gelegt haben (Plutarch). Die Alten dachten sich den Namen durch Zusammensetzung von y.'iy.-.'i.zz und ■f^-'-oz entstanden, die neueren Etymologen bezogen ihn auf askalabos, die Eidechse (Welcker nach Schwenck). S ick 1er') vertritt durchaus die semitische Ab- stammung des Wortes, der Svmbole und der Person. Nach ihm hat die auch von uns später noch angeführte Stelle des Pausanias,

wonach die Phönizier in göttlichen Dingen bessere Einsicht hätten, prinzipielle Bedeutung (Paus. \'II. 443). Die historische Tatsache, daß sie den Heilgott (Esmun) gekannt hätten, ferner die Über- legung, daß die Hebräer die Heilschlange am Stabe bis zur Re- gierung des Königs Hiskia verehrt haben, legen nach Sickler die Vermutung nahe, daß auch die semitisch- hebräische Sprache die Auflösung des Rätselwortes geben müsse. Er besorgt dies in der ausführlichen Weise, daß er in den die Gottesstatue umgebenden Symbolen den Namen des heilenden Apollosohnes siebenfach und sein Wesen fünft'ach in der uralten Bilderschrift ausgedrückt wieder- findet. Der Stab (Äschkol), die Schlange (Epeh) = der Schlangen- stab (Askolepe); die Ziege (Äs), Milch (Chaleb) = Ascalab (Ziegen- milch). Der Hund (Keleb) vereinigt mit dem Worte Eeuer (Asch) gibt Aschkeleb = Feuerhund. Der Stab mit Schlangen, vollkommene Hieroglyphe des heilbringenden Anubis-Asklepios (Äskoloph) »ge- flügelter Stab«. Die wahrsagenden Vögel der Vorwelt Eule, Hahn und Rabe, die gelegentlich in des Gottes Nähe vorkommen, sind alle »Askalaphoi« Nachtvögel.

Aus diesen interessanten Untersuchungen, die zu einer Zeit ge- macht waren, bevor der englische Arzt Thom. Young den Schlüssel für die ägyptische Hieroglyphenschritt 1814 tand, entnehmen wir

') F. C. L. Sickler, Die Hieroglyplien in dem Mythus des Asklepios. Meiningen 1819.

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noch die semitische Wortauslegung von Epidauros. Epheidur grä- zisiert Epiduros Schhtngenwohnung, Schlangentempel. Wir müssen die Prütung dieser Prägen Sachverständigen überlassen und be- gnügen uns mit diesem Hinweis.

Nach anderer Sage (Pindar) gab sich die bereits von Apollo ge- schwängerte Koronis dem Ischys hin, und der eifersüchtig zürnende Gott vom Raben über diese Untreue belehrt, tötete sie durch die

Fig. 3. Geburt des Asklepios.

Majolikaschale (Gubbio) 1534.

Pfeile der Artemis. Schon sollte ihr Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, da rettete Apollo durch Hermes den Sohn und brachte ihn aus den Elammen nach dem Berge Pelion zum Ken- tauren Chiron, damit dieser ihn in Jagd- und Heilkunde unter- richte. Die Größe der zukünftigen Persönlichkeit spiegelt sich bei unserem Gotte wider sowohl in den Gefahren, denen er bei der Geburt ausgesetzt war, nicht minder auch in den übernatürlichen

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Kräften, die seinem Leben ein Ende setzten. Die Szene, wie Koronis auf dem Scheiterhauten liegend, von dem jungen Asklepios ent- bunden wird, ist mehrfach Gegenstand einer halb realistischen, halb phantastischen Darstellung geworden.

Unsere Illustration (Fig. 3) entstammt einer keramischen Arbeit^) des Maestro Giorgio (Gubbio) 1534. ImWudergrunde auf einem reich mit Renaissanceornamenten geschmückten Sarkophag liegt der grün- lich-blasse Leib der toten Königstochter. Apollo entnimmt diesem durch Kaiserschnitt den jungen Asklepios. Die Leibwunde blutet. Pteil und Bogen hat der Gott zur Seite gestellt. Amor sieht weinend dem Geschehnis zu. Im Hintergrund Palastarchitektur; aut dem Baume sitzt der Rabe des Apollo und eine Krähe (Koronis).

Dankt so die antike Welt Leben und Wirken des göttlichen Arztes einem von jeher als höchste Betätigung ärztlicher Kunst anerkannten Eingriff: dem sogenannten Kaiserschnitt, so starb der Arztgott gerade den Tod, den von altersher die Menschheit als das feierlichste Symbol überirdischer Macht angestaunt. Auf dem Höhe- punkt seiner Kunst angelangt, entvölkerte der Arztgott durch beispiel- lose Heilerfolge das Schattenreich, und er entfachte außerdem noch den besonderen Zorn Plutos dadurch, daß er Tote erweckte. Solchen Argumenten des Schattenkönigs konnte Zeus aut die Dauer nicht widerstehen, und er sandte dem geliebten Enkel den tötenden Blitzstrahl.

Daß meist erst nach dem Tode eines großen Mannes seine Verehrung eine allgemeine wird, daß Leben, Wirken und Persönlichkeit erst die güldene Patina der Legende bekommen muß, die über die reine Menschlichkeit erhebt, das bewahrheitet sich auch bei dem griechischen lieilgotte. Homer kennt eine Tempelverehrung des Asklepios noch nicht. Hesiod und Homer sprechen mit Worten großer Anerkennung von den Söhnen des göttlichen Arztes, die aber nicht nur Ärzte, sondern auch wackere Streiter im Kampte

') Meine Hoffnung, diese in ockergelben und Icarminroten Lüstern gehaltene Majolikavase für die mediko-historisclie Sammlung des Kaiserin-Friedrich-Hauses erwerben zu können, scheiterte leider am Auktionspreise von 16000 (!i Älark.

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waren. Sie nahmen an der Spitze ihrer thessaUschen Mannen mit 30 Schiften am Trojanischen Kriege teil (Hom. Jl. 11. 729) und in ihm hatte namentlich Machaon, der Feldscher des Krieges, Gelegenheit, sich als Chirurg zu hewähren. Als Menelaos vom Pfeil des Paris am Schenkel getrofi'en war, wurde schnell Machaon herbeigeholt, der den Pfeil aus der Wunde zog und

»als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang, sog er das quellende Blut und legt ihm lindernde Salb aut, die einst dem Vater verliehen, der gewogene Chiron.«

Diese Szene bildet Panofka ab. (Tafel VII, Nr. 9; Furtwängler, Gemmen, siehe Tafel XXIII, Nr. 6, Machaon härtig, in kurzem Chiton, verbindet den rechten Oberschenkel des mit Helm und Schild bewaffneten Menelaos.)

Auf dem flachen Relief eines etruskischen Spiegels ist (Panotka, Tafel VII, Xr. 3 und Gerhard, etruskische Spiegel IV, 394 11) Ma- chaon dargestellt, in den Mantel gehüllt, wie er mit der rechten Hand den verwundeten linken Fuß des auf seine Lanze gestützten Philoktet verbindet. Zwischen beiden steht auf einem Schemel ein Fläschchen und ein Schwamm, oftenbar zu wundärztlicher Be- nutzuntr. Als Attribut seiner heilenden Kraft blickt eine Schlange Machaon an.

Derartige Darstellungen gab es viele und auch Machaons Bild- nis wurde verehrt. Nachdem der Held, der zu den Auserlesenen gehört hatte, die im Trojanischen Pferd verborgen waren, gefallen war, soll Nestor des Machaon Gebeine gerettet haben und ihm in Gerenia ein Grabdenkmal gesetzt haben. Der heilige Ort, wo das Hieron stand, hieß Rhodon, das Standbild selbst war aus Erz, und um den Kopf trug Machaon einen Rosenkranz. Auch bei dim fanden Hilfsbedürftige und Kranke Heilung. Des Machaon Kinder, die Asklepiaden Gorgasos und Nikomachos, wurden nach ihrem Tode als Heroen verehrt und standen noch zu des Pausanias Zeit in dem Ruf, Krankheiten und Verstümmelungen zu heilen. Der Name des Asklepios Enkel »Gorgasos« erinnert an die Sage, daß Asklepios von Athene das Blut der enthaupteten Gorgo ^erhielt;

ö

H oll. Inder, Plastik und Medizin.

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und er gebrauchte das von der linken Ader zum Verderben der Menschen, das von der rechten zu ihrer Rettung. Ein weiterer Sohn des Machaon »Alexanor« errichtete in l'itane das berühmte Heihgtum des Asklepios, von dem wir bereits gesprochen haben. Doch auch des Alexanors Bildsäule stand daselbst und ihm »dem Helfer« wurden auch Opter gebracht. Auch die anderen Brüder ererbten vom Großvater die lindernde, heilende Kraft und ihnen waren Heiligtümer geweiht. Podaleirios, der weißfüßige, schnelle, der viel und schnell herumlaufen muß, um Kranke aufzusuchen und zu behandeln, hatte nach dem Trojanischen Krieg ein abenteuerliches Schicksal. Nach Karlen verschlagen, rettete ihn ein Ziegenhirt. Dieser brachte ihn zum König, dessen Tochter durch einen Sturz vom Dach schwer erkrankt war. Podaleirios heilte das Mädchen durch einen Aderlaß und bekam sie vom König zur Gemahlin. Abweichend von dieser Sage berichtet Strabo von dem Heroen, daß er in Italien gestorben sei; in Kalabrien stand sein Grabmal, am Fuße des Hügels Drion, »wo sie sich auf Schaffellen nieder- legten, um Traumorakel von ihm zu bekommen«. Zwei weitere Söhne des Asklepios waren Telesphorus und Janiscus; von ihnen, die bereits beinahe vergessen waren, werden wir noch besonders sprechen müssen.

Doch nicht allein die männliche Nachkommenschaft des Askle- pios hütete des Vaters heilige Kraft, auch seine Frau Epione und die Töchter gelten der antiken Welt als Trägerinnen des göttlichen, heilenden Gedankens. HvQieia vor allen, die häufigste Gefährtin des \'aters. Dann auch Jaso, Panakeia und Aigle; sie alle genossen die Ehren von Heilgöttinnen.

So trug erst der Same des Asklepios seinen Ruf in alle ^^'inde Griechenlands, und es scheint, daß erst die Enkel seinen Heildienst von Thessalien aus über ganz Griechenland verbreiteten. Die Urenkel aber, »die Asklepiaden«, schlössen eine Gemeinschaft. Zuerst war wohl Blutsverwandtschaft, später auch die durch Wahl \'eranlassung zum Zusammenschluß und der Zweck Lernen und Lehren der Medizin. Der Eid der Asklepiaden bietet auch dem modernen Jünger des

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Asklepios ein ethisches Evangelium für die Ausübung seines Be- rufes. Alhnähhch ging die besondere beschränkende Bedeutung dieses Asklepiadentitels verloren. Nicht nur die »Logenmitglieder« besaßen diesen Beinamen, den sich später jeder Jünger der Kunst anmaßte. Von den Kultstätten galt als älteste überhaupt Trikka, welches Kastriotis ausgrub. Aber das weitaus berühmteste Heiligtum, welches seinen Glanz und Ruhm noch in die ersten nachchristlichen Jahr- hunderte hinüberrettete, war Epidauros (Fig. 4); von hier gingen weitere Pflanzstätten aus, so nach Athen, Sikyon, Pergamon, Rom. Aus der großen Zahl von über 80 uns bekannt gewordenen Kult- stätten erwähnen wir noch Titane, Tithorea, Eleusis, Messene, Rhodos, Melos, Samos, Kos (Fig. j) usw.

Bevor wir uns nun selbst, Bewunderer und Diener des Gottes, zu den Füßen seines Standbildes niedertun, betreten wir das Heilig- tum und versuchen es, einen Einblick zu gewinnen in das seltsame Wechselspiel von kirchlicher Andacht und therapeutischer Betätigung, religiöser Selbstbetörung und frommer Heilkunst. Auch dem Zeit- genossen der Flugmaschine und der citerlosen und schmerzlosen operativen Behandlung wird es nicht schwer, sich in den Geist jener klassischen Naivität zu versenken und auf Traumorakel des Gottes an einem Tage zu sinnen, an dem er durch die Operation eine Geschwulst entfernte, die bisher allerdings erfolglos der heil- samen Betastung und Gesundbeterei unterworfen war. Treten wir ein, der Geist jener Zeit soll uns milde umrauschen wie die Zypressen des Tempelhofs. Der fromme Schauder, der uns seit der Knaben- zeit beim Betreten des Fichtenhains des Poseidon ergreift, den über- trasfen wir in unserer Phantasie allzuleicht auch aut die übrigen Bezirke der Göttertempel. Offenbar war aber bei der Anlage der Asklepios-Kultstätten in erster Linie auf die natürliche Hygiene des Ortes Rücksicht zu nehmen. Gesunde frische freie Luft mit reichlich fließendem Wasser zum Baden und Trinken, kein düsterer Ort. Selbst in dem Tempel des Asklepios in Athen war eine Quelle. Manchmal sind Mineralquellen erwähnt (»salziges Wasser: dem ähnlich, welches zu kochen anfängt«), oft auch Zellen für

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Bäder und Räume für gymnastische Übungen. Also der Ein- druck muß gewesen sein weniger ein frommer Schauder als das tiefe Aufatmen in würziger, frischer Bergluft. Man orientiere sich über die Landschaft an den Ansichten vom heiligen Epidauros und von Kos. Der Tempelbezirk war heilig und rein; ganz im Sinne des Pentateuch. Im ganzen Weichbild tand kein Toter seine Ruhestätte, weder verbrannt noch begraben durfte er werden, ebensowenig wie eine Frau in der Nähe des Tempels gebären durfte. Antoninus Pias errichtete deshalb zu Epidauros ein be- sonderes Gebär- und Sterbehaus. Der Andrang der Hilfesuchenden aus der Umgehung und von weit her war nun bei manchen Heil- stätten ein derartig großer, daß in der Nähe Quartiere entstanden, schon tür die Begleitung der Hiltesuchenden. Die Art und Weise, mit der nun der Geist und das Gemüt des Pilgers in den heiligen Bann der Gottheit getan wurde, die entspricht ganz dem kirch- lichen Raffinement des römischen Kultus; was hier die großartige Architektur der Kirche und der Farbenglanz der Fenster, Wand- gemälde und Priestergewänder tat, was hier den frommen Büßer durch Orgelklang und Choräle, bußfertige Stellung und Weihrauch in den frommen Rausch versetzte, das mußte in der klassischen Zeit die Kunst der Priester und der Priesterinnen auf andere Weise erreichen. Die Kranken oder deren Stellvertreter mußten fasten und dursten, Waschungen vornehmen. Räucherungen erdulden und kamen so müde und abgespannt zum Heiligtum. Ihre Einbildungs- kraft und Phantasie wurde dann noch gestärkt durch die Erklärung und Betrachtung der von Geheilten gestifteten Weihtafeln. Danach wurden Bäder genommen in warmen t)der kalten Quellen mit folgen- dem Salben und Abreiben des Körpers. Dann versetzte das Tier- opter vor des Gottes Bildnis in eine weihevolle Stimmung. Jetzt erst sank der Kranke erschöpft nieder, möglichst nahe zu den Füßen des Gottes, oder wenigstens in der Xähe des Tempels und suchte Schlat und Traum bisweilen auf dem Fell des geopferten \\'idders. Zwischen den Träumenden, Schlafenden oder sich schlafend Stellenden schritt der Priester mit seinen Töchtern, selbst der irdische \'ertreter

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des Asklepios, die Jungfrauen in der Tracht der Göttinnen, einlier und waltete des heiligen Dienstes. Dabei spielte (offenbar, wenn auch ungesprochen, die Hypnose und Suggestion und der heilende Zauber iMesmers, oder wie man es sonst historisch nennen soll, seine therapeutische Rolle. Der Wille zum Heil schläferte den Kranken ein; seine Phantasie umgaukelte ihn mit Traumgesichten, deren Auslegung das Geschält des Priesters war.

Es ist begreiflich, daß diese mystischen Verzierungen eines Heilkultus aut Gebildete und geistig Hochstehende geringeren Hin- druck machen mußten, und aus allem geht auch hervor, daß schon sehr frühzeitig diese Kultstätten im wesentlichen von den kleineren Leuten aus der ungebildeten Klasse oder auch von schwärmerisch \'er- anlagten autgesucht wurden. Die Asklepiospriester waren oftenhar mehr die Xaturärzte unserer Tage und standen schon frühzeitig in geringerem Ansehen. Aristophanes machte sich in recht derber Weise in seinem Plutos über den Heildienst lustig und sein mut- williger Spott wirkt ausfallender wie Bernhard Shaws Hyperbeln. Sehr bezeichnend sind des Dichters vielfach falsch zitierte Worte, als es sich darum handelt, den blind gewordenen Reichtumsgott Plutos wieder sehend zu machen. Plutos 406:

B/t/^sidoiios. Ich dächte, wir holten schleunigst einen Medikus.

Clnctiivlos. Wo gab's noch einen Medikus im Bereich Athens? Denn wo die Kunst nach Brote geht, da sinkt die Kunst. Was mir dagegen langst hei Zeus im Sinne schwebt, Im Asklepiostempel ihn zu betten, dieses ist das beste.

Der dritte Akt führt uns nun die so interessante Szene vor, in welcher der Knecht Karion seine Erlebnisse berichtet, die er im Tempel des x^sklepios gehabt hat; dorthin hatte er den blinden Gott Plutos geführt. Die Erzählung des Knechtes und die Schilde- rung von der Blindenheilung durch des Asklepios gnadenreiche Meisterhand ist charakteristisch genug für des Aristophanes Stil und bedeutsam in medizinischer Hinsicht für die Heilhandlung selbst, so daß wir die ganze Szene unverkürzt hier wiedergeben wollen.

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Karion. Gebt acht ! Wir waren kaum zum Tempel gelangt mit ihm, Dem Alten, der noch eben so schlimm beschlagen war, Und jetzt so selig und hochbeglückt wie einer ist, Da führten wir ihn zuvörderst nach dem Meer hinab, Um ihn zu baden.

Frau. Wahrlich, bei Zeus, ein hohes Glück Für einen Greis, gebadet zu werden in kalter See!

Karion. Als dies geschehen war, kehrten wir zum Gott zurück. Sobald den Altar aber Gebäck und Räucherwerk Zur Weihe schmückte, »Speise für Hephästos Glut«, So betteten wir den Plutos, wie der Brauch gebot; Dann flickten wir jeder unsere Streu daneben an.

Fraii. Gab's auch im Tempel noch andere Hilfesuchende?

Karion. Jawohl ! Neokleides ersichtlich, zwar ein blinder Wicht, Der aber im Stehlen übermeistert die Sehenden; Und außerdem noch vielerlei Gebrechliche. Der Tempeldiener löschte nun die Lampen aus, Und hieß zum Schlaf uns legen, und wofern Geräusch Sich hören ließe, befahl er jedem Schweigen an ; So lagen wir denn allsämtlich in Ordnung hingestreckt. Allein ich vermochte nicht zu schlafen ! Es brachte mich Fortwährend aus dem Häuschen ein Topf mit Hirsebrei, Der einem alten Mütterchen nah' zu Häupten stand: Allmächtig zog mich's, hinzukriechen zu dem Topf! Inzwischen das Aug' aufschlagend, was erblick' ich da? Die Stollen und die Feigen reißt der Priester rasch Von der heiligen Tempeltafel herab ! Die Runde dann Um all Altäre macht' er, rings herum und späht, Ob irgendwo nocli ein Fladen darauf zu finden sei : Und was er gefunden, weiht er schnell in seinen Sack. Ein hehres Beispiel, wie mich dünkt! Ich fühle Mut Und erhebe mich tapfer nach dem Topf mit dem Hirsebrei.

Frau. Elendester Schlucker, bangte dir nicht vor dem Tempelgott?

Kario)i. Bei den Göttern, freilich hatt' ich Furcht! Doch nur die Furcht, Daß er im Kranzschmuck eher des Topfs sich bemächtige! Sein eigener Diener hatte mir ein Licht gesteckt. (In der Erzählunw furtfahrendi

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Wie sie indes mich rauschen hörte, das Mütterlein,

So schob sie die Hand vor: zischend biß ich ihr hinein,

Als war' ich eine der heiligen Schlangen Äskulaps.

Da zog sie jach die Hand zurück, und mäuschenstill

In ihre Decke gewickelt, lag sie wieder da.

Nur jug der Schreck ihr schlimmem Gestank als dem Iltis ab.

Ich machte flugs ein tiefes Loch in den Hirsebrei,

Und als ich den Leib mir vollgestopft, so walzt' ich mich.

Frau. Der Gott indessen, kam er nicht?

Karion.

Noch inmier nicht ! Ein neckischer Streich passierte mir vielmehr zuletzt. Als nämlich der Gott sich wirklich nahte, da entfuhr Mir just ein Donnerwetter; denn mir schwoll der Bauch.

Fron. Da kehrt' er gewiß mit Ekel stracks von dir sich ab.

Kanon. O keineswegs ! Nur Jaso, seine Begleiterin, Errötete leicht, und Panakeia wandte sich, Die Nase klemmend; freilich, Weihrauch blas ich nicht.

Fraii. Und er, der Heilgott?

Karion. Spürte 's nicht einmal, bei Zeus!

Frau. Zum wahren Bauer machst du den Gott ja !

Karion.

Keineswegs ! Ein Exkrementenfresser nur ist er!

Fran.

Flegel du! Karion. Nach diesem Intermezzo mummt ich mich geschwind Aus Furcht ins Lager: er, der Gott, visitierte nun. Die Runde machend, alle Kranken der Reihe nach. Ein Bursch erschien dann, einen steinernen Mörser ihm Hinsetzend, einen Stampfer und ein Schächtelchen.

Frau. Auch steinern?

Karion Nicht doch, jenes Schächtelchen nicht, bei Zeus!

26 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Frau. Wie konntest du das denn sehen, Erzhalunke du ? Du warst ja vermummt ins Lager!

Karion. Durch mein Kittelchen !

(Indem er den zerrissenen Mantel emporhebt) Denn an Löchern fehlt es diesem nicht, beim hohen Zeus:

iln der Erzählung fortfahrend) Für Neokleides huh der Gott nunmehr zunächst Ein Salbmittel an zu reiben, indem er drei Der schönsten Tenischen Zwiebelköpf in den Mörser warf, Sie zerstampfte, Mastix mischte dazu, nebst Feigensait, Und Sphettischen Essig endlich unter die Brühe goß : Drauf salbt' er die Augenlider ihm, umstülpend sie. Den Schmerz des Burschen zu steigern. Dieser heult' und schrie Und entsprang im Sturmschritt; lachend rief der Gott ihm nach: »Da sitze still, gesalbt wie du bist! Du brauchst hinfort, Trotz Schwur imd Eid, die Ekklesie nicht zu besuchen mehr.«

Frau. Wie bürgerfreundlich und wie klug ist doch der Gott!

Karion. Nach diesem Vorgang setzt' er sich zum Plutos hin, Und zwar zuerst betastet er ihm das Haupt und nahm Alsdann ein sauberes Leinentuch und wusch damit Dem Gott die AugenHder, worauf Panakeia kam Und Kopf wie Antlitz ihm verhüllte rundherum Mit purpurner Decke: schnalzend pfiff nun Äskulap. Da schössen aus dem Tempel jach hervor ein paar Gewaltige Schlangenbestien.

Fraic.

Gute Götter ihr! Karion. Sacht unter die Purpurdecke schlüpften die Bestien Und leckten ihm die Augenlider, so viel mir schien; Und ehe du schlürfen könntest ein Dutzend Schälchen Wein, Stand unser Plutos, staune Herrin, sehend auf! Ich schlug entzückt die Hände zusammen meinerseits. Und weckte meinen Gebieter. Äskulap indes Verschwand sofort samt seinen Drachen im Tempelraum. Die andern, die bei Plutos schliefen, du glaubst es kaum, Wie sie den Gott nun herzten und die ganze Nacht Wach blieben und munter, bis der helle Tag erschien. Ich lobt" und pries aus vollster Kehle den Äskulap, Daf) sehend gemacht er den Plutos mit so schnellem Ruck, Den Wicht Neokleides aber blinder gemacht, als erst.

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Dieser Spott des Aristophanes klingt wie Hohngelächter; der Satiriker kannte sein Publikum. Er schlug diese Saite der Dis- kreditierung pfäffischer Habgier und frommen Betruges nicht ohne die Sicherheit an, ein lautes Echo zu finden in der Brust seiner Zuhörer auf den oberen Reihen. Denn der Wunderglaube war damals schon viel zu vielen abhanden gekommen, und die Schar derer, die vergebens dem Gotte geopfert hatten, die Reihe der Schicksalsgenossen des Xeokleides, war eine bedenklich lange ge- worden.

Ein anderer klassischer Zeuge Pausanias ging für uns zu einer Zeit in Griechenland herum, alles was er in Erfahrung brachte, notierend, als noch ein großer Teil der Kultstätten in Blüte stand, als die erste Patina die Kunstwerke einer Meisterepoche zu über- ziehen begann.

Wir wollen nun aus des Pausanias Reisebeschreibungen der schon erwähnten Periegesis (zur Zeit der antoninischen Kaiser, zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. geschrieben) einige der Stellen von größerer Wichtigkeit für die Handhabung des religiös -medizinischen Gottesdienstes in den Heiligtümern wört- lich zitieren. So beschreibt er den Tempeldienst von Epidauros fokendermaßen (2. Buch, Korinthiaka, 27. Kapitel, Übersetzung von J. H. Schubart):

»Den heiligen Hain des Asklepios umgeben ringsum Grenzsteine; weder sterben sie, noch gebären ihre Weiber innerhalb des heiligen Raumes, gerade wie dieses auch auf der Insel Delos nicht erlaubt ist. Das Geopferte, mag nun ein Epidaurier oder ein Fremder der Opfernde sein, verzehren sie innerhalb der Grenzsteine. Denselben Gebrauch kenne ich auch von Titane.

Jenseits des Tempels ist der Ort, wo die bei dem Gotte Hilte- suchenden schlaten.

Ein sehenswertes rundes Gebäude, von weißem Marmor, Tholos (Kuppel) genannt, ist in der Nähe errichtet. In demselben ist ein Gemälde des Pausias, Eros, der Bogen und Pfeile weggeworfen und an ihrer Statt eine Leier genommen hat und sie trägt. Daselbst

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ist auch die Methe (Trunkenheit) gemah, wie sie aus einer Schale trinkt, ebenfalls ein Werk des Pausias. Man erkennt selbst auf dem Gemälde, daß die Schale von Glas ist und durch dieselbe das Ge- sicht der Frau. Innerhalb des heiligen Raumes stehen Denksäulen, vor alters mehrere, zu meiner Zeit aber waren nur noch 6 übrig. Auf diesen sind die Namen der Männer und Frauen geschrieben, welche durch Asklepios geheilt worden sind, außerdem noch die Krankheit, an welcher ein jeder gelitten, und wie er geheilt worden ; alles ist in dorischem Dialekt geschrieben.

Abgesondert von den übrigen ist eine alte Denksäule; sie sagt aus, Hippolvtos habe dem Gott zwanzig Pferde geweiht. Über- einstimmend mit der Inschrift') dieser Säule, erzählen die Aricier, daß Asklepios den Hippolvtos, der durch den Fluch des Theseus gestorben war, wieder auferweckt habe; er aber, als er wieder zum Leben gekommen, wollte seinem \'ater nicht verzeihen, sondern ging, aut sein Bitten nicht achtend, nach Italien zu den Ariciern und wurde dort König und weihte der Artemis einen heiligen Raum, wo bis auf diesen Tag das Priestertum der Kamptpreis tür den Sieg im Zweikampfe ist. Dieser Kampf ist nicht für Freie angesetzt, sondern für Sklaven, die ihren Herren entlauten sind.

Die Epidaurier haben in dem heiligen Bezirke ein, nach meiner Meinung, höchst sehenswertes 'Fheater, denn an Pracht übertreffen die römischen weit alle anderen in der Welt, an Größe das zu Megalopolis in Arkadien; welcher Baumeister aber könnte es wagen, sich in bezug auf Ebenmaß und Schönheit mit Polykleitos zu messen? Denn Polvkleitos ist der Baumeister dieses Theaters und des runden (jebäudes. Innerhalb des Haines ist ein Tempel der Artemis und eine Bildsäule der Epione, ein Heiligtum der Aphrodite und der Themis, ein Stadium, wie bei den Griechen gewöhnlich, ein Erdwall und ein Brunnen, wegen der Decke und der übrigen Auszierung sehenswert.

Was zu meiner Zeit der Senator Antoninus angelegt hat, ist

>) Die sehr bedenkliche Stelle ist nach der herkömmlichen Lesart übersetzt; von den verschiedenen Änderungsvorschlägen scheint keiner überzeugend.

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ein Bad des Asklepios und ein Heiligtum der Götter, welclie sie Epidotai (spendende) nennen; auch hat er einen Tempel gebaut für die Hygieia, den Asklepios und den Apollo, sämtlich mit dem Beinamen die Ägyptischen. Es gab auch eine nach der Kotys o-enannte Stoa ; da das Dach derselben eingestürzt und sie denn sie war von ungebrannten Ziegeln errichtet schon beinahe völlig zuo-runde gegangen war, so baute er auch diese wieder auf. Die Epidaurier, welche mit dem Tempeldienst beschäftigt waren, be- fanden sich in der traurigsten Lage, weil ihre Erauen nicht unter dem Schutze eines Obdachs niederkommen konnten und die Kranken unter freiem Himmel starben. Er nun brachte auch dies m Ord- nuno- und errichtete ein Gebäude, wo das Sterben für die Menschen und das Niederkommen für die Erauen ohne Verletzung des heiligen Ortes gestattet war.

Berse erheben sich über den Hain, der Titthion und ein anderer namens Kynortion ; auf ihm ist ein Heiligtum des Apollo Maleatas (vom Vorgebirge Malea); dieses gehört zu den alten; was aber sonst um den Tempel des Maleatas ist, und eine Zisterne, in welcher sich das Regenwasser sammelt, hat ebenlalls Antoninus den Epi- dauriern angelegt.

28. Kapitel. Die übrigen') Drachen und eine andere Art, deren Earbe mehr ins Rötlichgelbe spielt, gelten für den Asklepios ge- heiligt und sind zahm gegen die Menschen; sie kommen nur im epidaurischen Lande vor. Ähnliche Erscheinungen finden sich auch in anderen Gegenden; so bringt Libyen allein Landkrokrodile hervor, die nicht kleiner sind als zwei Ellen; allein von den Indern bringt man unter anderen die Papageien; die großen Schlangen aber, die über dreißig Ellen lang werden, wie sie bei den Indern und in Libyen vorkommen, erklären die Epidaurier für eine andere Gattung und nicht für , Drachen'.«

Recht anschaulich beschreibt Tansanias (Korinthiaka II, 1 1. 3) das Heiligtum von Titane: »Späterhin gründete Alexanor, des

>) Das Wort, welches hier durch „ülirige-, und das einige Zeilen weiter unten, welches durch „große" Schlangen übersetzt ist, ist auch wahrscheinlich verdorben.

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Machaon Sohn, des Asklepios Enkel, hei seiner Ankunft in Sikyonien das Asklepieion in Titane. Um dasselbe herum wohnen unter an- deren auch hauptsächlich die, welche bei dem Gotte Hilfe suchen ; innerhalb des heiligen Raumes stehen alte Zvpressenbäume. Von was für einem Holze oder Metalle das Bild ist, kann man nicht er- fahren, auch kennen sie den Meister nicht, wenn man es nicht etwa bis auf den Alexanor selbst zurückführen will. Von dem Bilde sind nur das Angesicht und die Spitzen der Hände und Füße sichtbar; denn es ist ihm ein weißes Chiton und ein Himation (Unter- und Oberkleid) übergeworfen. Ebenso ist es mit der Bildsäule der Hygieia. Auch diese kann man nicht leicht sehen, so sehr ist sie eingehüllt von Haaren der Frauen, die sich ihr zu Ehren scheren, und von Bändern babvlonischen Zeuges. Auch Bildsäulen des Alexanor und des Euamerion sind da. Jenem bringen sie wie einem Heros Totenopfer nach Sonnenuntergang. Dem Euamerion aber opfern sie wie einem Gotte. Vermute ich recht, so nennen die Pergamener nach einem Orakelspruche diesen Euamerion Tele- sphoros, die Epidaurier x\kasis. Auch ein Schnitzbild der Koronis ist da, jedoch nirgends im Tempel aufgestellt, sondern nachdem ein Stier, ein Lamm und ein Schwein dem Gotte geopfert sind, trägt man die Koronis in den 'Fempel der Athene und ver- ehrt sie dort. Alles was zum Geopferten gehört, verbrennen sie und es genügt ihnen nicht, die Schenkel auszuschneiden ; sie ver- brennen es aber auf der Erde mit Ausnahme der Vögel, diese nur auf dem Altare.

In der Halle sind Bildsäulen aufgestellt des Dionysos, der Hekate, Aphrodite etc., alle diese von Holz; von Marmor Asklepios, mit dem Beinamen der Gortynische. Zu den heiligen Drachen wollen sie aus Scheu nicht hineingehen, sondern sie legen ihnen das Futter vor den Eingang und kümmern sich nicht weiter darum.«

Verschiedene Male ist Pausanias über die Person der dargestellten Gottheit im unklaren. Manchmal besteht ein Zweifel, ob Herakles oder Asklepios dargestellt sein soll. In einem Gebäude der Phokier- stadt Panopeus (X. Buch, 4) beschreibt unser Reiseführer ein Bild

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aus pentelischem Marmor, von dem einige sagen, es sei Asklepios, andere aber Prometheus. Für das letztere geben sie als Beweis, daß in der Nahe der Schlucht zwei große lehmartige Sandsteine liegen mit dem typischen Gerüche der menschlichen Haut. Diese Steine sollen die Überbleibsel des Lehms sein, aus welchem Pro- metheus das ganze Menschengeschlecht gebildet haben soll.

(X. Buch, 32) »Die Phokier besitzen noch einen zweiten Tempel des Asklepios mit dem Xamen Archagetas, 70 Stadien von Tithorea entfernt. Innerhalb des heiligen Bezirkes haben die Hilfesuchenden und die Sklaven des Gottes ihre Wohnungen; in der Mitte steht der Tempel und das Bild von Marmor mit einem wohl über zwei Fuß langen Barte. Zur Rechten des Bildes ist ein Ruhebett. Der Gebrauch gestattet ihm alles zu opfern mit Ausnahme der Ziegen.«

Aus diesen Berichten des Pausanias entnehmen wir schon die Tatsache, daß neben dem allgemeinen Tvpus jedes Heiligtum beinahe seine Sonderheiten zeigte im Kultus, in der Art der Opter- gaben, wohl auch in der Art der Behandlung, und daß oft neben der Bildsaule des Asklepios noch andere Heildämonen und andere Gottheiten verehrt wurden. Ja, was uns sogar durch Inschriften über- liefert wird, die einzelnen Heilbezirke konkurrieren miteinander, und wie das der Konkurrenzkampfund Neid mit sich bringt: die Priester machten sich gegenseitig schlecht, um die große Masse der Pilger dem eigenen Heiligtum zuzuwenden. Es scheint, als ob in den kleineren Heiligtümern der Priester auch gleichzeitig ärztliche Funktionen ausgeübt hatte, und daß er so vielleicht sich ärztlich besser bilden konnte. Wilamowitz-Möllendorf spricht sogar die Vermutung aus, daß Kos und Knidos vielleicht der Ent- wicklung der wissenschaftlichen Medizin Hilfe geleistet haben, nicht aber Epidauros, wo noch im 3. Jahrhundert v. Chr. durch Träume, Wunder, Schlangen und Hunde geheilt wurde. Der traumdeutende Oberpriester ging in der Kleidung des Gottes und unterstützt von Jungfrauen, die die Töchter des Asklepios in der Tracht vorstellten, wie wir ja schon aus des x\ristophanes Beschreibung wissen, im Tempel umher und waltete des heiligen Dienstes.

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DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

Inzwischen hatte sich der Kranke (oder auch dessen Angehörige oder stellvertretende Diener) aut dem Fell des geopferten Widders oder auch auf einem Bette, möglichst in der Xähe des Standbildes des Gottes, zum Schlafen niedergetan. Dem Inkubierten offenbarte sich der Gott durch Traumgesichte, aus denen wiederum die Priester den Weg zur Heilung bestimmten. Waren es auch am häufigsten der Genuß oder die äußere Anwendung des Opferblutes, ferner diätetische Mittel, so berichten doch schon Galen, Aristides und andere die Verordnung außergewöhnlicher xMittel, teils solcher, welche mit der Medizin zunächst überhaupt ohne Zusammenhang erscheinen, z. B. Reiten, Besuch eines Theaters, Anhörung eines Gedichtes (der trüber gelähmte Hermodikos mußte einen großen Stein in das Hieron tragen), teils aber auch in der ^'ornahme von medizinischen Handlungen, die heute unser ausgesprochenes Interesse verdienen. Es wäre aber ganz falsch, aus diesen Verordnungen irgendwelche Schlüsse zu ziehen auf den Stand der wissenschaft- lichen Medizinkunst jener Zeit.

Denn es muß betont werden, daß wir ziemlich im dunkeln sind darüber, wer nun eis'entlich die rein ärztlichen Funktionen ausübte. Es ist zwar eine Tatsache, daß einzelne Inschriften darauf deuten, daß unter den Tempelpriestern auch gelegentlich Arzte waren. So wird nach einem Funde auf der Akropolis ein gewisser Onetor als Arzt, später als Asklepiospriester erwähnt (Bull, de corr. hell. II, p. 422, 423, 426). Aber sicher war das eine Ausnahme. Schon die Art der Priesterwahl deutet darauf hin; denn nicht durch die »Cheirotonia« wurde der Priester gewählt, sondern durch das Los; also der Zufall macht ihn zum Priester, nicht un choix re- flechi, wie Paul Girard') dies ausführt. Und es kommt noch hinzu, daß die Amtszeit eine begrenzte war. Im Prinzip also, und auch meist in der Ausführung, waren die Priester nur die obersten Vorsteher des Tempels, hatten gewissermaßen die Aufsicht, sorgten für die Reinhaltung der Kultstätte, hatten die \'erantwortung über den Tempelschatz und natürlich auch den ^^Tmsch, daß unter ihrer

') Paul Girard, L'AsclOpieion d'Athcnes d'aprcs de rccentes dccouvertes. Paris iSSi.

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Priesterzeit möglichst viele glückliche Kuren vollbracht wurden. Ausübende Faktoren scheinen mehr die »Zakoren« gewesen zu sein, Tempeldiener oder Assistenten des Priesters, die offenbar nicht so oft wechselten und im Laute der Zeit sich wohl aus- gedehntere ärztliche Kenntnisse aneigneten. Früher wohl unter- geordnete Domestiken des Tempels, wurden sie in der römischen Zeit gewichtigere Persönlichkeiten , die längst nicht mehr den niedrigen Dienst des Lampenlöschens usw. tun, wie noch zu Aristophanes' Zeit. Nach Aristides scheint ihnen die direkte Sorge um die Kranken obzuliegen, und sie sind es wohl auch, die Ader- lässe ausführen oder doch wenigstens dabei sind. Wir müssen uns damit begnügen, hier Vermutungen Raum zu geben. Nach Hippys aus Rhegion waren es die Zakoren, welche der armen »Tänienbehalteten« Frau in Fpidauros den Kopf abschnitten und ihn nicht wieder autsetzen konnten. Eine Illustration dieser Auf- fassung finde ich in dem Fragment, Svbel 3010, Nationalmuseum Athen, wo wir die erhaltene Figur eines »Zakoren« sehen, wie er den Kopf eines auf der Kline liegenden Patienten befühlt ; da- neben steht der Priestergott (s. S. 121). Das Personal der großen Tempel wie in Fpidauros oder Athen war offenbar ein aus- gedehntes. Da werden auLk'r Priestern und Zakoren erwähnt die Schlüsselträger, die Feueranzünder, die Männer, die auf den Altären das Feuer entfachten, dann Frauen »Kanephoren und Arrhephoren«. Alle diese zunächst niederen Dienstleistungen verloren allmählich ihren Charakter und wurden zu Ehrenämtern, um die man sich bewarb und beneidete.

Die erwähnten Heilberichte sind nun natürlich gefälscht und lügen mehr wie die Marktschreizettel der mittelalterlichen reisenden Scharlatane. Wie auch heute noch an Wallfalirtsstätten es Sitte und Gebrauch ist, den Vorgang der Erkrankung und Heilung ge- malt zu opfern oder die Krücken nach Wunderheilungen am heiligen Orte zu hinterlassen, so schenkten schon in früher Zeit die Pilger dem Gotte Votivglieder. Solche Anatheme geheilter Finger, Arme, Beine wurden vielfach in edlen Metallen, Silber, Gold und Elfen-

Holländer, Plastik und Medizin. J

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bein dargebracht (nicht in Epidauros). Andere wieder berichteten gelegentlich auf Silbertafehi Krankheit und Ilcilungsart. Auf Grund dieser Krankengeschichten, die zum Teil noch als Beweisstücke in den Tempeln hingen, zum Teil wohl aber auch denselben Weg ge- gangen sind, wie die Stollen und beigen beim Aristophanes, d. h. in den Sack des Priesters, den großen Magen der Kirche, wurden von der Priesterschaft Heilungsberichte auf Marmortateln zusammen- gestellt, von denen z. B. in Epidauros Pausanias noch sechs Stelen im Hieron betrachten konnte. Ohne Zweifel sind das dieselben In- schriften, von denen iS^^ und 1884 zwei intakte und zwei trag- mentierte Stelen ausgegraben wurden. Die Inschritten werden in den Anfang des dritten vorchristHchen Jahrhunderts verlegt, und wurden damals wahrscheinlich umbearbeitet oder nach älteren Ur- kunden abgeschrieben. Doch um diese Urkunden webte die Tradition ein dichtes Maschennetz von Legenden. Lehrreich ist in dieser Be- Ziehung der Fall der Kleo, den S. Herrlich') in seiner Arbeit »Epidauros, eine antike Heilstätte« berichtet'). Die Kleo hatte als Weihgeschenl{ einen Pinax gestiftet, aus dessen Versen hervorging, daß sie fünf Jahre schwanger war, der Gott aber habe sie im Schlafe gesund gemacht. Die Stele aber, welche diesen Fall ausschlachtet, läßt die Kleo sofort einen Knaben zur Welt bringen, der sich so- gleich nach der Geburt im heiligen Quell waschen und mit der Mutter zusammen fortgehen konnte. Solche Pinakes werden nicht nur in Epidauros, sondern auch in Trikka und Kos erwähnt. Bei Strabo steht die berühmte Stelle, nach der in Kos Hippokrates sich an ihnen gebildet habe. »Aus den in diesem Tempel aufgehängten Heilungstafeln, soll Hippokrates größtenteils die Diätetik erlernt haben.« Diese lamatainschriften berichten nun über eine große Reihe der verschiedensten Krankheiten, unter denen sowohl ausgetallene und durch ihre Seltsamkeit schon imponierende Ciebresten vorkommen, wie auch die kleinen und großen Leiden, die das Menschengeschlecht seit Jahrtausenden an allen Punkten der Erde gequält haben.

1) S. Herrlich, Epidauros eine antike Heilstätte. Jahresber. d. Ilumbuldtsgymnas. 1S9S. ^) Vgl. auch: To Upiv t&ü 'A3x).v]7f.oü iv 'EniSaupui, üüi ü. Ka°ßa5i'ot. 'Aö-f,vrj':cv 1900.

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Der gelehrte Augenarzt Julius Hirsch berg, der auf seinen Weltwanderungen mit klugen und klassisch geschulten Augen, namentlich alles vereinigte, was sein Spezialfach, die Augenheil- kunde, vom historischen Standpunkt interessierte, hat die Weihe- tafeln in Epidauros studiert mit Bezug aut die Augenleiden und sie auch in seiner »Geschichte der Augenheilkunde« und in seinen »Hellasfahrten« übersetzt. Gerade diese Geschichten von Erblindeten und wieder durch die Gnade Gottes Sehendgewordenen charakteri- sieren das Getriebe dieser Heilstätte. Nur zwei von ihnen wollen wir hier wiedergeben:

1. Ambrosia, bisher einseitig blind, erhält das volle Gesicht von dem Gott. Ambrosia aus Athen, auf einem Auge blind. Diese kam hilfesuchend zu dem Gott, umherspazierend in dem Heiligtum, verspottete sie einige von den Heilungsgeschichten als unglaublich und unmöglich, daß Lahme und Blinde einfach nach einem Traum- gesicht gesund geworden seien. Aber im Tempelschlaf sah sie ein Gesicht: es schien ihr, als ob der Gott zu ihr trete und ihr sage, daß er sie zwar gesund machen werde, daß sie aber als Honorar im Tempel ein silbernes Schwein aufstellen (weihen) müsse, zur Erinnerung an ihre Torheit. Nach diesen Worten habe er ihr mit einem Messer das kranke Auge geritzt und ein Heilmittel ein- geträufelt. Als es Tag wurde, ging sie gesund von dannen.

2. Hernion aus Thasos. Diesen heilte der Gott von seiner Blindheit; und als er das Honorar nicht an das Heiligtum zahlte, machte er ihn wieder blind. Als er aber kam und wieder im Tempel schlief, machte er ihn gesund.

Die fahrenden Heilkünstler unserer Zone waren dagegen ge- legentlich humaner; sie heilten Arme um Gotteslohn, und »der es vermag, um ein bescheiden Geld«. Hier noch andere Heil- geschichten und Heilmärchen.

Ein Mann aus Thorone hat eine Menge Blutegel verschluckt, die ihm die böse Stiefmutter in den Trank geschüttet hatte. Ithmonika befindet sich seit drei Jahren in anderen Umständen. Erwähnt wird namentlich einseitige oder doppelseitige Blindheit, Lähmungen,

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Geschwüre, Bandwurm, Steinleiden, Verwundungen, alle diese mehrfach, auch Wassersucht, Magenleiden, Koptweh, Schwindsucht, Stigmata, Sprachlosigkeit.

Fünfmal bitten Frauen um Nachkommenschaft. Als Kuriosa unter den 42 Fällen erwähnt Herrlich einen Kahlkopf und einen von Läusen geplagten Thebaner. Die Heilung ertolgt meist wäh- rend der Inkubation. Der Gott erscheint allein oder von seinen Gehilfen und Töchtern begleitet und vollzieht die Heilung. Die Kranken erhalten auch Traumorakel, durch die Weisungen erteilt werden, die sie zu ihrer Heilung zunächst ertüllen müssen. Daß der Gott auch operativ vorgeht, das verbürgen die Inschriften zu Epidauros ausdrücklich. Daß es sich dabei nicht nur um etwas Er- träumtes handeln kann, beweisen die Tatsachen, daß die \'erwun- deten am Morgen Lanzen und Pfeilspitzen, die vordem in ihrem Körper gesessen, in den Händen haben, genau so wie 1000 Jahre später der heilige Benediktus den steinkranken Kaiser Heinrich durch Mirakel heilt und ihm seinen Blasenstein in die Hand gibt. Doch noch etwas berichtet die Säule: Xach einer Operation, die der Gott vollzogen, war noch am anderen Morgen der ganze Fußboden des Abaton voller Blut. Die fünfte Geschichte der zweiten Inschrift, wo diese blutige Operation geschildert wird, könnte man beinahe geneigt sein, an die Schilderung eines wahrhaltigen Vorganges zu denken, so modern klingt die Erzählung. Der Kranke, welcher an einem Magengeschwür leidet, wird während der Inkubation von den Dienern des Gottes festgebunden. Asklepios öffnet die Bauchhöhle, schneidet das Geschwür heraus und näht den Bauch wieder zu. Der Patient selbst verläßt geheilt das noch blutige Abaton. Den Wert dieser an sich interessanten Darstellung verzerrt in das Grotesk- Komische die Geschichte der Wassersüchtigen und der an einem Bandwurm leidenden Aristagora. Der Gott schneidet nämlich einer an W'assersucht leidenden Patientin den Kopt ab, hängt dann den Körper an den Füßen auf und setzt, nachdem eine Menge Wasser abgelaufen ist, der geheilten Patientin den Kopt wieder aut. Man wäre ja geneigt, hier an eine starke Übertreibung zu denken und

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wissenschaftlich die Heilung der Ödeme durch Einschnitte zu er- klären, wenn nicht der folgende analoge Fall eine solche Auslegung unmöglich machte. Aristagora litt an einem Bandwurm, die Söhne des Asklepios schnitten ihr, es ist nicht gesagt zu welchem Zweck, in Trözen, vielleicht aus irgendeiner falschen Diagnose, den Kopt ab, konnten aber, wie das bei Assistenten schon einmal vorkommen soll, die Operation nicht zu Ende führen. Die Ärmste mußte in- fokedessen einen Tag ohne Kopf bleiben. In ihrer Ohnmacht und Ano-st holen die Mitarbeiter den Herrn Chef selbst aus Epidauros, und der geht radikal vor. Er befestigt zunächst der Patientin wieder den Kopf, sodann schneidet er ihr den Bauch aut, holt den Wurm heraus und näht den Leih wieder zu; geheilt und er- hobenen Hauptes verließ sie das Lokal. Zwei Dinge ließen sich aus dieser letzten Geschichte leicht vom zeitgenössischen Leser eruieren. Die eine deutlich genug unterstrichene Tatsache, daß der Gott von Trözen ein Stümper war gegen den epidaurischen Asklepios. Diese Empfehlung paßte sehr wohl in die Preisliste pfäffischer Be- gehrlichkeit. Aber die blutigen Geschichten, die da erzählt wurden, sollten doch auf das eine oder andere Bäuerlein nicht gerade an- lockend gewirkt haben. Aber schließlich muß doch die Psyche der antiken Welt anders gestaltet gewesen sein. Denn die Aussicht, die kranken Teile von Schlangen geleckt zu bekommen, sowohl Augen wie Fußgeschwüre, wie das berichtet wird, und wie wu' das ja auch schon aus dem Plutos kennen, oder sich, wie der letzte Fall der zweiten Inschrift zeigt, die Gicht durch Bisse einer Gans kurieren zu lassen, war doch eigentlich wenig verlockend; es sind das Kuren, welche die Wundertaten eines Doktor Eisenbart in den Schatten stellen. »Man sieht in ein Getriebe von Trug und Heuchelei hinein, dem das entschuldigende Prädikat der Frömmigkeit nicht mehr zukommt sagt \\' i 1 a m o w i t z - M ö 1 1 e n d ort, aber wir müssen auch bei der Verdammnis solchen pfätlischen Gaukelspiels an das Publikum denken, welches sich zu den Tempeln drängte. Es waren die Mühseligen und Beladenen, die sich zum philan- thropischen Gotte drängten. Vielleicht hat Di eis recht, wenn er

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von diesen Vorgängen folgendes sagt: »Diese Berichte spiegeln die Tugenden und Fehler des hellenischen Volkes in seinen niederen Schichten wieder; sie zeigen neben Toleranz und Menschenfreund- lichkeit auch zugleich die schamlose Betrügerei, Aufschneiderei und Geldschneiderei der Priester.« Bedenken müssen wir übrigens bei der Betrachtung dieser Heilberichte aus Hpidauros, daß die Stelen zwar aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert stammen, daß der Text aber in Wirklichkeit aus einer bei weitem älteren Zeit herrührt; diese Neuschritt und Umarbeitung war nötig tür die Masse der Pilger, welche die altertümlichen Buchstaben nicht mehr entziffern konnten. Die Quellen über Heilvorgänge und Kurarten der späten Zeit, namentlich auch aus der römischen Kaiserzeit, fließen äußerst spärlich. Sie zeigen aber, daß der Gott in seinen Verordnungen sich mehr auf hygienische Winke und Ratschläge beschränkt hat. Diät, Kleidung, Bewegung und Abhärtung waren die Heilmittel, die der zeitgemäß fortgeschrittene Gott jetzt offenbarte. Die Kon- kurrenz mit der wissenschaftlichen Medizin hatte diese Priesterkunst auf den Weg des sogenannten Naturheilverfahrens gedrängt. Der Vergleich mit modernen Zuständen läßt mit Sicherheit vermuten, daß jene klassischen Polikliniken des Asklepios auch später noch zur Zeit des höchsten Glanzes der griechischen Avissenschaltlichen Medizin nicht leer standen.

Ein tadellos erhaltener Stein, der sich in Epidauros fand, be- stätigt, daß spätere Behandlung sich abenteuerlicher Scharlatanerie enthielt und mehr in die breite Landstraße, sagen wir, einer Natur- heilbehandlung eingelenkt war. Die Kur des M. Julius Apellas ist zuerst von Kabbadias 1883 veröffentlicht und von Ulrich V. W i 1 a m o w i t z - M ö 1 1 e n d o r f f kommentiert worden '). Seine Übersetzung lautet:

»Ich M. Julius Apellas aus Idrias und Mylasa ward \on dem Gotte herbeschieden, als ich eine Krankheit über die andere bekam und an Indigestionen litt. Auf der Reise, in Aigina, gebot er mir, ich sollte mich nicht so viel ärgern. Als ich im Hicron angelconunen

') Isyllos von Epidauros: Philolog. LTnters. i8S6. Heft 9.

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war, gebot er mir, ich sollte zwei Tage den Mantel über den Kopf gezogen tragen; die beiden Tage regnete es; Käse und Brot essen, Selleriesalat mit Lattiiga, mich im Bade selbst bedienen, Dauerlaut üben, Limonade trinken, neben den aquae im Bade mich an der Wand reiben, auf der Loggia spazieren gehen, schaukeln, mich mit Staubsand einreiben, barfuß gehen, in der Badeanstalt in das heiße Wasser, ehe ich hineinstiege, Wein zugießen, allein baden und dem Bademeister eine Drachme attisch geben; dem Asklepios, der Lpione und den Eleusinischen Göttinnen gemeinsam opfern, Milch mit Honio- o-enießen; und als ich eines Tages bloße Milch trank, sagte er mir ,tu Honig in die Milch, damit es abführen Icann'. Als ich den Gott bat, er möchte mich schneller abfertigen, da war mir, als o-ino-e ich mit Senf und Salz am ganzen Körper eingerieben an den aquae zum Kurhaus hinaus, voran einen Jungen mit dampfendem Rauchfaß, und der Priester sagte ,kuriert bist du, nun mußt du das Honorar bezahlen'. Und ich tat nach dem Gesichte, und wie ich mich mit dem Salz und dem Senfteig feucht einrieb, tat es weh. Beim Waschen aber tat es nicht weh. Das geschah in den ersten neun Tagen nach meiner Ankunft. Er faßte mich auch an die rechte Hand und die Brust; und tags darauf schlug die Flamme, als ich das Räucherwerk hineinwarf, in die Höhe und verbrannte mir die Hand, so daß es Blasen gab. Aber die Hand ward bald wieder heil; ich blieb noch länger da, und er gebot mir Anis mit Ol gegen die Kopfschmerzen anzuwenden. Nun hatte ich aber gar keine Kopfschmerzen; da begab es sich, daß ich vom Studieren Blutandrang nach dem Kopf bekam. Ich wandte das Öl an und wurde die Kopfschmerzen los. Gegen Geschwulst des Zäpfchens kaltes Wasser, Gurgeln (danach hatte ich auch beim Gotte Hilte (besucht), seeen geschwollene Mandeln dasselbe. Er gebot mir auch dieses aufzuschreiben. Dankbar und geheilt bin ich abgereist.«

Ich muß sagen, wenn ich so den fetten, durch Studieren und Genießen vor der Zeit gealterten Mann vor mir sehe, mit schlapper Muskulatur und schlechter Zirkulation, so verraten die angeordneten Mittel den Kennerblick eines guten Praktikers. Denn alle Verord-

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nungen laufen schließlich auf die modernste Diät und physikalische Therapie hinaus. Faßt man so das Limonadetrinken auf als Ver-

J.'us. Xatwtt.

Fig. 6. Asklepiüs, antike Marmorstatue. Neapel.

bot des Weintrinkens und das Alleinbaden als die W-rmeiduno; von

Erresuns:,

so

können wir alle diese Maßre2:eln "e^en den alten

Hypochonder und Fettbauch mit Kopfschmerz und Kongestionen

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nur bewundern. Das Hokuspokus dran und darum scheint gewissen hiatrischen Maßnahmen up to dav auch nicht überlegen gewesen zu sein. Im Gegenteil, der moderne Xaturarzt und Spezialist tür physikalische Therapie kann noch allerlei aus dieser Kur lernen : Die Schaukelkunst und die Massage im Wasser. Was der Priester sagte, »Kuriert bist du, nun mußt du das Honorar bezahlen«, sollte sogar als geflügeltes Wort der Verabschiedung wieder modern werden.

Zu den wenigen authentischen Berichterstattern, welche uns das Intime des Asklepioskultes als Selbstbeobachter schilderten, kommt hinzu als Hauptgewährsmann Aristides, der Rhetor, der 129 nach Christus in Mvsien geboren, um 189 gestorben war. Eine 17 Jahre dauernde Krankheit trieb diesen Mann mit dem komplizierten ^^^ese^ eines dekadenten, überaus begabten, universell gebildeten und doch pietistisch hohlen Mannes, durch alle Heiligtümer des Heilgottes in Asien, Ägypten, Griechenland und Italien. In den fünf berühmten »heiligen Reden« hat er nun seine Erlebnisse in einer ziemlich überschwenglichen Eorm geschildert. Ich muß gestehen, daß ich nur auszugsweise diese genossen habe, und daß ein starker Appetit dazu gehört, aus diesen, im übrigen vom Standpunkt der rhetori- schen Technik und äußerer Formgewandtheit geschätzten Reden, die uns besonders interessierenden Stellen herauszusuchen. Das hat nun in gewissem Sinne F. G. Welcker') in seinen kleinen Schritten tür uns schon besorgt, und verweisen wir diejenigen, welche Interesse für das Nebelland der Träume haben und welche sich aus der zu- fälligen Kongruenz von Gedachtem und wirklich Erlebtem, aus Selbsttäuschung und betrüglicher Ideenverbindung ein System be- reiten wollen, auf diese Fundgrube von unkontrollierbarem Zu- sammenwirken von Phantasie und W^ihrheit. Überlegen wir noch, daß die Träume des Rhetors und die daraus sofort meist von ihm selbst gefolgerten Weisungen des Gottes jahrelang nach der wirk- lichen Inkubation in dem Tempel rhetorisch von ihm verarbeitet

') F. G. Welcker, Kleine Schriften, Bd. III, Zu den Alterthümern der Heilkunde bei den Griechen. Bonn 1S50.

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sind, so ist die Bewertung dieses Stoffes gegeben. Was sollen wir dazu sagen, wenn er z. B. aus der Erscheinung der Athena, die ihm tröstlich zuspricht, sogleich aut ein Klistier aus attischem Honig schließt, welches ih.n dann von der Galle betreit und den Anfang einer langsamen Genesung begründet? Ein Traum läßt ihn einmal ungewiß, ob Easten oder Vomitiv gemeint sei. Er bittet den Gott, es doch deutlich anzuzeigen, welches von beiden er ver- hinge, schläft wieder ein und es wird ihm ein delphischer Vers als Orakel, den er dann aut ein Bad im heiligen Brunnen deutet. So sieht er im Traum ein anderes Mal den Arzt Asklepiakos zu sich hereinkommen und ihm ein gewisses Kataplasma für 30 Tage vor- schreiben. Alle Mittel, die der Gott ihm betiehlt, werden dem Enthusiasten leicht, die Philonische Mixtur, die er sonst nicht riechen konnte, schmeckt ihm wohl und hilft sogleich (eine Er- innerung aus der Kinderstube). Ein anderes Mal schickt ihn der Gott mit einem Umschlag von gestoßenem Zimt um den Hals 240 Stadien weit, aber er trägt den Durst hin und zurück leichter, als »wer ein gewöhnliches Stadtbad besucht«. Überaus über- schwenglich sind Worte und \'ergleiche, die er zu Ehren des Heil- gottes verwendet. Sie erinnern stark durch das Gesuchte ihrer Devotion an die kirchlich poetischen Erzeugnisse des Mittelalters. »Habe ich doch selbst unter dem Gott nicht zweimal, sondern viele und mannigfache Eeben gelebt und erachte die Krankheit demnach vorteilhaft, für die ich wenigstens nicht die gesamte, unter den Menschen sogenannte (jlückseligkeit annehmen möchte. Und daher soll man nicht auch diesen Ort hatenlos nennen (er spricht von Pergamos, dem ersten Sitze des Gottes in Asien), sondern er ist von allen Häfen der festeste und sicherste, in welchem von Asklepios allen die Taue der Rettung befestigt werden.« In diesem gottseligen Tone gerät er gelegentlich in direkte Verzückung, so nennt er den Gott in Smvrna selbst mit dem 'f itel Zeus. Er ist ihm der Retter von allem, der Steuermann, der das, was ist und was entsteht, erhält. »Wenn man ihn für Apollons Sohn und den Dritten von Zeus hält, so fasse man ihn auch wieder in den Xamen zusammen

ASKLEPIOS.

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und sage, daß er selbst der Zeus sei und stelle ihn dar als Vater und Schöpfer aller Dinge. Indem er alle Gewalten habe durch das All, ziehe er vor, den Menschen wohlzutun und jedem das ihm

KollUpkot. Alinari. Kot/

Fig. 7. Asklepios, antiker Marmor.

Zukommende zu geben. Die größte und gemeinsamste Wohltat er- weise er allen, indem er das Geschlecht unsterblich mache in Aut- einanderfolge, Ehe, Erzeugung und Ernährung der Kinder, schaffend

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

durch die Gesundheit.« Interessant ist nun besonders die Stellung der Ärzte zu den im Traume gespendeten Verordnungen. Zunächst erfahren wir, daß sich der chronisch Kranke trotz seiner ungemessenen Verehrung zum Heilgotte auch noch und ott zu gleicher Zeit der Ärzte, d. h. der wissenschaftlichen Stadtärzte, bedient. Folgende Notiz ist bemerkenswert. Hin Arzt kommt zu ihm und macht An- stalt, seine Hilfe zu gewähren. Als er aber von den Träumen hört, hatte er den \'erstand, dem Gotte nachzugeben. Dies war der Arzl Theodotos, von dem auch ein anderes .Mal noch berichtet wird, daß er sich durch den Traumbericht in seinen Anordnungen habe um- stimmen lassen. Hin anderes Mal aber setzt sich ein berühmter Arzt aus Pergamos in direkten Gegensatz zu den göttlichen \'erordnungen und widerrät ihm die ihn vollkommen auflösenden großen Blut- entziehungen. Aristides half sich nach bekannter Art; er ließ sich trotzdem schröpfen und gleichzeitig nahm er die Arznei des Arztes. Geaen die Ansicht der Ärzte nimmt er ein ibm dinx'h X'ision vor- geschriebenes Flußbad im A\'inter. Teils aus Neugier, teils aus Be- sorgnis begleiten ihn dabei »von den Ärzten sowohl die bekannten als auch andere«. Bei einer ansteckenden Krankheit kommen Ärzte nht ihren Gehilfen in sein Haus. Gegen die Ansicht der Doktoren nimmt er eine gewisse Arznei, doch tut er es dicht beim heiligen Dreifuß, damit es um so weniger schade. Einmal erträgt er ein Mittel, welches ein Arzt für tödlich erklärt hatte. In seiner pie- tistischen Hingabe verstieg er sich schließlich zu tollenden Worten; »Wir wandten auch, am Heibe getroffen, uns nicht mit niedrigen Hilfeflehen an die Ärzte, sondern, obgleich wir mit Gott zu reden die besten der Ärzte als Hreunde besaßen, nahmen wir unsere Zu- flucht zu Asklepios und glaubten, daß es, wenn es sein sollte, schöner sei, durch ihn gerettet zu werden, wenn es nicht angehe, Zeit sei, zu sterben.« Zwei Dinge sind es, aut welche auch die in vieler anderer Beziehung mediko-historisch interessanten Reden ein helles Schlaglicht werfen. Wir sehen da, daß noch beinahe 600 Jahre nach ihrer Begründung, diese göttliche Traumheilung parallel neben der wissenschaftlichen Medizin, fast ohne jede Berührung, einher-

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ging, wie heutzutage aucli noch Aberglaube und positives Können, Gesundbeterei und Naturheiltum und wissenschaftliche Medizin. Und damals wie jetzt gab es unter den Ärzten Männer, die sich unter dem kirchlichen Deckmantel wohlfühlten und bei diesem Ge- schäft auf die Kosten kamen, und solche, die sich der Zeichen und Hieroglyphen wehrten und zwischen sich und dieser göttlichen Heilkunde des Messers Schneide legten. Von diesen und jenen scheint die Umgebung des Heiligtums voll gewesen zu sein; beide interessierte die herbeiströmende Krankenmenge in gleichem Maße, wenn auch in umgekehrter Richtung. Was uns aber als zweiter Punkt besonders wichtig erscheint, ist, daß auch noch in den späteren nachchristlichen Jahrhunderten hochgebildete Männer, die wir heute noch unter die Klassiker zählen, in schwärmerischem Pietismus dergestalt dem Heilgotte ergeben waren, daß er in ihren Augen selbst die anderen Götter überragte, und daß sein Kult pan- theistische Formen annahm (wie der des Serapis in Alexandrien), so überall den Boden vorbereitend für den größeren Heiland, der bald die Welt beherrschen sollte.

Es ist zu hoffen, daß mit dem Fortschritt der Altertums- wissenschaft wir neue Autklärungen erhalten werden über die Wandlungen der Heilbehandlung in dem Asklepiostempel. Der athenische stand noch gegen Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts unversehrt, der Neuplatoniker Proklos war noch ein begeisterter Anhänger des Asklepios Soter. Der Tempelschlaf als solcher hat sich bis heute an manchen Stellen erhalten; in einzelnen Kirchen Griechenlands soll er noch heute florieren (s. d. Inkubationsheiligen). Geschaffen wurde der Heilkult offenbar dem schönsten und edelsten menschlichen Impulse zufolge, das lehrt uns ein Blick aut die Ver- körperung des Gottes, dem man sich mit menschlicher Bürde be- laden nahte. In seiner Gestalt schuf das hellenische Volk in erster und seine Künstler in letzter Linie das Ideal männlicher Hoheit, Reinheit und Milde. In seinem Antlitz sehen wir das xMensch ge- wordene Göttliche in uns; Zeusgleich und doch ein Mann mußte sein Blick dem kranken Pilger ein seliges Hoffen und vertrauensvolle

46 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

Hingabe erwecken. Das war auch die \'orbedingung, die der Heil- gott selbst zunächst verlangte. An dem Eingange seines Heiligtums zu Epidauros standen ungefähr folgende Worte ^):

»Rein sei jeder, der tritt in den Weihraucii duftenden Tempel, Rein aber ist, wer im Sinn heilige Gedanken nur hegt.«

Ein gütiges Schicksal ließ vor nicht so langer Zeit im Britischen Museum in einem umfänglichen Rollenbruchstück einen für unsere Anschauung wichtigen, so gut wie verschollenen griechischen Poeten des 3. vorchristlichen Jahrhunderts neu erstehen. In seinen Mim- iamben schildert Herondas vortreft'lich das Milieu eines Askle- pieion mit all seinen Statuen, und das was wir das Lokalkolorit nennen. Dabei scheint er sich vollkommen an die Wirklichkeit zu halten, und deshalb hat ihn schon Otto Crusius, sein Bearbeiter (Göttingen 1893), einen antiken Realisten genannt. Im Gegensatz zu des Aristophanes' Schilderungen, der leider in seiner Dichtung die Kulissen der Handlung im Asklepiostempel als allen bekannt nur ganz nebensächlich behandelt, zeichnet uns Herondas in seiner Skizze des Besuches opfernder Erauen im Asklepiostempel, aller- dings mit flüchtigen Strichen, mehr als die Silhouette des berühmten Heiligtums von Kos. Kokkaie hat hier Genesung gefunden und kommt zum Dankgebet und zur Darbringung eines Opfers. \\'ir sehen den Tempelwart in geschäftig vertrauter Weise verkünden, wie das Opfer ausgefallen ist, und der Kokkaie und ihrer Quartier- geberin Kvnno den Segen erteilend. Nun kommt der Passus, welcher uns hier imd wohl auch den Dichter am meisten interessiert. Die Weiber bewundern bei ihrem Gange durch die Tempelhalle die dort aufgehäuften Kunstschätze und Götterbilder, die sie in ihrer naiv bäuerischen Weise kritisieren. Der ortsfremden Kokkaie machen die Gegenstände einen überraschenden Eindruck. Dabei ist es viel- leicht charakteristisch, daß sie weniger sich für die berühmten Tempelstatuen des Kephisodotos und Timarchos interessiert als für die berühmte Gruppe des Boethos, des Knaben mit der Gans und für andere ihr als Genredarstellung gefallende Gruppen, die

') Porphyr, de abst. II, ly und Clemens Alex., ström. 5,1.

ASKLEPIOS.

47

wohl aber in Wirklichkeit doch DarsteUungen aus der Mythologie sind. Nachdem dann Kokkaie ihre Weihtafel zur Rechten der Hvgieia aufgestellt hat und der Tempelküster den opfernden Frauen

l'-trUn, Museum.

Fig. 8. Asklepios, antike Marmorstatue.

im Namen von Paieon-Asklepios Dank gekündet, entfernen sie sich, nicht ohne dem Gotte, falls er sie und die ganze Familie gesund erhalte, größere Opfer versprochen zu haben.

^8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

DIE OPFERNDEN FRAUEN IM ASKLEPIOSTEMPEL').

Personen. Kokkaie, eine Fremde, die dem Asklepios eine Weihgabe stiftet. Kynno (auch Kynna Kynnis), ihre Freundin, eine Ansässige. Der Küster oder Tempelhüter.

Stumme Personen.

K V d i 1 1 a , die Sklavin der Kynno.

Die Szene spielt in dem Asklepiosheiligtum zu Kos.

Kokkalc (vor den Tempelstatuen). Sei mir gegrüßt, o Herrscher Paian, der du Waltest auf Trikka und im trauten Kos Und Epidauros wohnhaft bist; Koronis Zugleich, die dich geboren, und ApoUon, Sie sei'n gegrüßt; und die du mit der Rechten Berührst, Hygieia; und die Herrinnen Auf diesen Ehrensitzen, Panako, Und Epio und leso, sei'n gegrüßt; Und die Laomedons Haus und Mauerwall Zerstörten, die Ärzte in grimmen Krankheiten, Podaleirios und Machaon, soU'n gegrüßt sein, Und was an Göttern dir am Herde wohnt Und Göttinnen, Vater Paian! Gnädig nehmt Den Hahn, den Herold unsres Hausbezirks, Den ich hier opfere, bitte, als Zukost an ! Denn spärlich fließt ja unser Brünnlein nur Sonst hätten wir dir ein Rind oder 'ne Mastsau Mit Speck gepolstert, keinen Hahn, als Kurlohn Gebracht, weil du, o Herr, die Krankheit uns Mit linder Handauflegung weggewischt hast.

Kynno. Zur Rechten der H\-gieia, Kokkaie, Stell' deine Tafel auf.

Kokkalc (tritt dabei näher und betrachtet sich die Statuen genauer). Ah, liebe Kynno, Die schönen Statuen ! \\'elcher Meister nur Schuf dieses Steinwerk und wer ist der Stifter ?

Kynno. Die Söhne des Praxiteles -). Siehst du nicht Am Sockel dort die Schrift? Und Euthies, Der Sohn des Prexon, hat sie gestiftet.

') Nach der Übersetzung von Otto Crusius, Gottingen 1S93. -) Timarchos und Kephisodotos.

ASKLEPIOS. 49

Kokkaie.

Gnädig Möge den beiden Päon sein um solcher Herrlichen Werke willen, und nicht minder Dem Euthies. (Vor ein anderes Kunstwerk tretend)

Sieh, Beste, das Mädchen dort; Das aulguckt nach dem Apfel! Meint man nicht, Es stürbe gleich, wenn's nicht den Apfel kriegte? Und dort den Alten, Kynno ! (Weitergehend) Bei den Mören, Die wilde Gans, wie die der Knabe würgt! Nur in der Xähe erkennt man, dalJ die Arbeit Von Marmor ist: sonst könnte man wirklich glauben, Er wolle sprechen. Nein, die Menschen lernen Mit der Zeit noch Leben in die Statue schließen.

(Vor einer F'orträtstatue, in der sie eine Bekannte erkennt) Siehst du denn, Kynno, Batale nicht, die Tochter Des Myttes, wie sie dasteht, lebensgroß? Wer nicht die Batale selber sah, der blicke Auf dieses Bild die richtige braucht er nimmer.

Kynno. Komm mit mir. Beste, und ich zeige dir Was Schönes, wie du's in deinem Leben nie Gesehn hast. (Zur Sklavin) Geh, Kydilla, und ruf den Küster! Du bist ja nie und nirgends, nicht inr Tempel Und nicht auf dem Markt zu brauchen. Überall Liegst du wie ein Stein im Wege. Zum Zeugen ruf ich Kydilla, diesen Gott an, wie du mich Trotz aller Selbstbeherrschung in Hitze bringst. Zum Zeugen ruf ich ihn! Einst kommt der Tag, Wo du diesen dummen Schädel kratzen wirst!

Kokkole. Ach, Kynno, nimm dir doch nicht alles gleich Zu Herzen! Sie ist ja 'ne Magd, und Mägde, Schlafhauben tragen sie alle um die Ohren!

Kynno. Allein je heller der Tag, je toller treibt sie's.

i^Sie will davonstürzen, um der Sklavin eins zu versetzen)

Kokkalf (sie zurückhaltend). He, bleibt doch hier! Die Tür ist ja geöffnet, Auf steht der Tabernakel ! (näher tretend) Liebe Kynno, Was das für Werke sind! Sieh doch nur her! Eine neue Pallas, meint man, bildete Die Herrlichkeiten (mit einer Verbeugung) sei gegrüßt mir, Herrin.

Holländer, Plastik und Medizin. 4

50

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

(Vor einem Tafelgemälde des Apelles) Den nackten Knaben hier, wenn ich den kneife, Kriegt der niclit bkue Flecke, Kynna? Denn Die Fleischpartien auf dem Bilde sehn doch aus Wie warm pulsierend ! Und das silberne Opfergerät, wenn das Mvellos oder Pataikiskos sieht, der Sohn des Lambrion, Wird so ein Diebsgesell sich nicht die Augen Aus dem Kopf glotzen, in der Meinung, daß es Wirklich von Silber angefertigt sei? Der Ochs dann und sein Treiber samt dem Weibe Daneben; mit dem Geierprotile dort Der Mann und mit der stumpfen Nase der Blickt ihnen allen nicht das helle Leben Aus ihren Augen? Meint" ich nicht, es wäre Unschicklich für ein Weib laut schrie ich auf: Der Ochse, Kynnis, tut mir noch ein Leids an. So schielt er mit dem einen Aug' herüber.

Kynuo. Ja, Beste, wahr ist, was des Ephesiers Apelles Hand erschuf in jedem Stücke, Und man kann nicht sagen : Dieser Mann besaß Für das eine Blick, doch andres lag ihm fern. Nein, was ihm nur in den Sinn kam, darin könnt' er Sich selbst mit Göttern messen. Aber wer Nicht voll Bewundrung, wie es sich gebührt. Zum Meister wie zu seinen Werken aufschaut, Der mög' am Ful] in der Walkerbude hängen.

A7/.sV(V. \'ollkommen schön, ihr Frauen, ist euer Opfer; Und Glück verheißt es euch. Mehr Wohlgefallen Fand niemand vor Paieon, als wie ihr.

(Zur Tempelstatue gewandt) Heil, Heil, Paieon, wohlgewogen sei Den Spenderinnen dieser schönen Opter. Und denen, die als Ehegenossen etwa Und Blutsverwandten ihnen nahestehn. Heil, Heil, Paieon ! Also mag's geschehn.

Kokkalc. Ja, mag's geschehn, Allmächt'ger du, und möchten Wir kerngesund, um größere Opfer dir Zu bringen, wiederkommen, Ehemänner Mit uns und Kinder

ASKLEPIOS. 5 1

Kymio.

Kokkaie, zerschneide Den Vogel hübsch und gib das Beinchen dann Dem Küster, merk' es wohl; leg auch den Kuchen Still betend in das Schlangenloch und feuchte Die Opfergerste an. Das andre woll'n wir Am Herbergstisch verzehren. Und hör, vergiß nicht Weihbrot uns mitzubringen. Erst genommen, Und dann gegeben! Ist beim Opfer nämlich Des Küsters Anteil noch in Sicht, so fällt Auch mehr vom W'eihbrot für den Spender ab.

Im Gegensatz zu solchen ottiziellen Kultplätzen des Asklepios existierten kleinere Orakelplätze mit heimlicher Betätigung. Einen Einblick in das Cjctriebe eines solchen »x\sklepieion« tun wir durch den Bericht eines Augenzeugen, der bisher nicht zu A\'orte kam, obwohl er Bedeutendes zu sagen hat: ich meine des Lukian Er- zählungen von Alexander, dem falschen Propheten. Lukianos, der griechisch-svrische ausgezeichnete Schriftsteller (123 bis 180 n. Chr.), der sich in seinen satirischen Schritten als sarkastischen Kritiker des Aberglaubens und mystischer Schwärmerei bekannte, erzählt da in einem vielfach ftir uns wichtigen Artikel die Geschichte des falschen Asklepios II, den er selbst entlarvte, wobei er aut ein Haar jedoch ums Leben kam. Ein offenbar geistig hochstehender Abenteurer, gewandt, verschlagen und mit der Sinnesrichtung aut das Große, alles auf eine Karte setzend und dabei von offenbar gottbegnadetem Äußern, hatte es verstanden, das römische Reich in seiner ganzen Ausdehnung jahrelang zu düpieren, und eine be- rühmte Orakelstelle zu schaffen, zu der man von allen Orten her pilgerte. Lukian charakterisierte ihn mit tolgenden Worten: »Er war groß von Statur, schön von Gesicht, er trug sein eigen Haar, aber mit falschen Locken so künstlich vermehrt, daß die wenigsten etwas von diesem Zusatz merkten. In seinen Augen tunkelte das ehrfurchtgebietende Feuer eines Menschen, der von einem Gotte besessen ist. Der Ton seiner Stimme war äußerst angenehm und wohlklingend. Wenige Menschen in der Welt waren an Verstand, schnellem Begriff und Scharfsinn mit ihm zu vergleichen. Ge-

32 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

schmeidigkeit, Gelehrigkeit, Gedächtnis und natüi liebes Geschick zu allem, was Kunst und Wissenschaft heißt, besaß er in höchstem Grade.« Nachdem dieser Mensch als Knabe bei einem Scharlatan gedient hatte und sich die Kniffe dieses Schülers des berühmten Apollonios angeeignet und auch den Geist seiner Zeit mit so viel Verständnis studiert hatte, um daraus Kapital zu schlagen, ging er daran, mit großer Diplomatie seine Landsleute zu neppen und zwar dies in größtem Stil. Zunächst ließ er im uralten Apollontempel zu Abonuteichos eherne Tatein zutage tördern, auf denen ge- schrieben stand : »Asklepios wird demnächst mit seinem \'ater Apollo in den Pontus kommen und zu Abonuteichos seinen Sitz aufschlagen!« Nachdem durch diese Ankündigung der Nährboden für seine Schurkerei reit war, läßt er sich in dieser Stadt nieder und weiß durch allerlei markierte prophetische Wutantälle seine dickköpfigen Paphlagonier derartig vorzubereiten, daß sie tähig waren, der Geburt des Asklepios beizuwohnen. In der Nähe des Apollotempels stürzt er in die dort befindliche Quelle, stimmt aus voller Brust dem Apollo und Äskulap einen Lobgesang an und wünscht der Stadt zu der heilbringenden Gegenwart des angekom- menen Gottes Glück. Er läßt sich eine Schale geben, taucht in das Wasser, holt aus ihm nach Gauklersitte ein großes Gänseei, in dem er eine kleine Schlange vorher geborgen hat. Das Ei zer- bricht er vor den Augen der Menge, holt die kleine Schlange heraus und rief, sie in die Höhe haltend: »Hier habe ich den Asklepios!« Mittlerweile hatte er nun bereits in seinem Hause eine große Schlange abgerichtet, deren Kopt er unter seiner Achsel versteckte, und die sich in dieser warmen Stellung wohl tühlte. Statt dessen ließ er den Körper dieser großen Schlange in einen Drachenkopt aus- laufen, der einige Ähnlichkeit mit einem Menschengesicht hatte. Dieser leinene und künstlich bemalte Kopt konnte mittels eines Pterdehaares den Mund auf- und zumachen, auch reckte er nach Art der Schlangen eine zweigespitzte Zunge heraus. Durch den Mund dieses künstlichen Asklepioskopfes gab er nun demnächst in dem neu errichteten Tempel seine Orakel und übte sein über alles Er-

ASKLEPIOS.

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warten glänzendes Prophetenhandwerk aus. Lukian weiht uns nun in den von ihm aufgedeckten Schwindel ein, wie es der sich selbst »Glvkon der dritte von Zeus« nennende Gaukler anstellte, richtige

KohUj<h>^t. Aluutri. Koni. I titivan. t'r,n\

Fig. 9. Asklepios, Porträtstatue.

Orakel zu erteilen. Die Anfragen wurden auf kleinen Täfelchen niedergeschrieben, um die ein versiegelter Bindfaden geschlungen war. Lukian lehrt uns die Technik der Siegellösung durch eine

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DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

glühende Nadel. Jeder fand dann in seiner Tafel mit unerbrochenem Siegel die metrische Antwort, von denen uns der Satiriker einige Proben gibt. Auf viele Fragen antwortete er in zweideutigen Orakeln, aber auf Grund guter medizinischer Kenntnisse gab er auch Heilmittel und richtige Verhaltungsmaßregeln an. Besonders verordnete er oft eine von ihm erfundene »schmerzlindernde« Salbe. Obwohl die Taxe für jedes Orakel nur eine Drachme und zwei Obolen war, stieg so das Einkommen des Mannes durch den eminenten Zuspruch ins Ungemessene. Damit bestritt er seinen großen Aufwand, unterhielt er die große Menge von Gehilfen, Aut- wärtern, Kundschaftern, Orakelschmieden, Registratoren und Ob- signatoren; und vor allem die Emissäre, die er in fremde Länder sandte, und die ihm die Kundschalt der ganzen Welt einbrachten. Um seine Einnahmen zu steigern und die Wirkung zu erhöhen, erfand der Mann die a u t o p h o n i sc h e n Orakel. Er ließ den Pappkopf des Äskulap mit einem Sprachrohr in Verbindung setzen, und während die Riesenschlange ihren Leib bewegte und der Kopt des Gottes Sprechbewegungen machte, schrien Gehilten die Ant- wort durch das Sprachrohr, so daß es klang, als ob der Schlangen- gott selbst zu seinen Adoranten spräche. Um ganz im Rahmen einer antiken Kultstätte zu bleiben, schul er seine xMysterien. Hören wir, was der Dichter von diesen sagt:

»Er ordnete aber überdem noch besondere Mvsterien mit Fackel- trägern und Hierophanten an, deren Begehung drei Tage dauerte. Am ersten geschah wie zu Athen der öffentliche Autru(: Wotern ein Gottesleugner, Christianer oder Epikuräer gekommen sein sollte, diese Orgien in verräterischer Kundschaft auszukundschaften, der begebe sich von hinnen. Die aber an unseren Gott glauben, mögen mit Glück dieser Mysterien teilhaftig werden. Und nun wurde sofort zur Austreibung der Profanen geschritten. Alexander selbst finsf an: Hinaus mit den Christianern! \Jnd die gan/e (jemeinde rief hintendrein: Hinaus mit den Epikuräern! Hierauf wurde die Niederkunft der Latina, die (ieburt des Apoll und die Hochzeit der Koronis dargestellt, und Äskulap wurde geboren. Der zweite

ASKLEPIOS.

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Tag feierte die F.piphanie des Glykon und die CTehurt dieses Gottes. Am dritten war die Hochzeit des Podaleirios mit Alexanders Mutter. Dieser Tag hieß ,Dadis', weil er mit Fackeln gefeiert wurde.

Fig. 10. Asklepios, antike :\[armorstatue im Louvre i Paris).

Stab rechlä. Schlange links' (Falsche Ergänzung.)

wobei Alexander selbst das oberste Amt eines Hierophanten ver- waltete. Den Beschluß machte der Liebeshandel zwischen Luna und Alexander, und die Geburt der Gemahlin des Rutilianus (sein Schwiegersohn in Rom). Der neue Endvmion lag mitten auf dem

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DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

Schauplatz schlafend und nun stieg aus dem Dache wie vom Himmel statt der Göttin Luna eine wunderschöne Person, die Frau eines kaiserlichen Prokuratoren herunter, die in ganzem Ernst in Alexander verliebt war und von ihm geliebt wurde, und ihren Tropf von Mann zusehen ließ, wie zärtlich sie sich ihrer Rolle gemäß vor allen Augen küßten und umarmten ; wer weiß was noch weiter unter dem Mantel vorging, wenn nicht mehr viel

Fig. II. Asklepios-Terrakotten aus Kos.

Fackeln brannten.« Zum Schluß scheinen dann diese Mysterien in wilde Orgien ausgeartet zu sein. Fr, Alexander selbst, zeigte sich dann im hierophantischen Ornat beim Fackeltanz und wußte dabei seine vergoldeten Schenkel zu zeigen. Wir übergehen die Dumm- heiten, die, durch seine Orakel verleitet, ganze Völker in Krieg brachten, und auch die Art, wie Lukian selbst ihn zuerst toppte und entlarvte, um schließlich doch dem klugen Manne auf den Leim zu gehen, und auf ein Haar sein Leben dabei zu verlieren.

ASKLEPIOS.

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Interessenten empfehle ich, die Stelle hei Liikian selbst zu studieren. Der geniale Betrüger und falsche Asklepiospriester konnte sein Prophetenhandwerk ungestört wohl 30 Jahre mit steigendem Erfolg ausführen, setzte zum Schluß noch beim Kaiser durch, daß der Name seiner Stadt Abonuteichos in Jonopolis umgewandelt wurde, und daß aut ihn Münzen') geschlagen wurden mit seinem Kopfe, bekränzt mit dem Lorbeer des xA-sklepios. Er starb, wie es scheint, an einer Altersgangrän eines Beines; dann entstand ein Kampf um seine Nachfolgerschaft, an dem sich auch ein Arzt beteiligte. Unter des Alexander Namen wurde, wie es scheint, für Rechnung der Witwe das einträgliche Prophetengeschäft noch eine Zeitlang fortgesetzt.

Lukian hat diese Schritt und seine Erlebnisse niedergeschrieben, um, wie er sagt, den göttlichen und heiligen Epikur zu rächen. Wir aber ersehen aus ihr, daß um die Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts die damalige gebildete Welt eine derartige mystische Neigung erfaßt hatte, daß ein geriebener Scharlatan den Gott mit Glück spielen konnte, und daß der Ruf des Asklepios und seiner Wunder noch mit Erfolg den Kampf mit dem jungen Christentum aufnahm. Wir blicken hinter die Kulissen eines ganz auf betrüg- licher Basis stehenden Asklepieion, welches den alten Orakelstätten mit gleichem Eriolg Konkurrenz machte. Eine Stätte raffinierter Ausbeute, avo die Gewinnsucht Geschäftsprinzip und das Stamm- kapital der Firma allein die bis in die letzte Konsequenz ausgenutzte Erkenntnis war, »das Volk will betrogen sein«. So artete aus, hier und wohl noch an anderen Stellen, was heiliger kindlicher (jlaube geschaffen und was im Rahmen frühester Kultur wohl auch ein- mal wirklich heiliii und heilsam war.

DAS BILDNIS DES HEILGOTTES.

Die Botschaft Mosis vom Berge Sinai an sein Volk als Echo von des Höchsten Stimme: »Du sollst keine anderen Götter neben

Münze der Stadt mit dem Schlangengott; abgebildet bei Panofka, Taf. II, 7.

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

mir haben, du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten aut der Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist,« und dann weiter »silberne und güldene Götter sollt ihr nicht machen« war die radikalste Forderung für eine reinste Religionsverinnerlichung. Es kann hier nicht untersucht werden, ob nicht erst spätere Könige für dieses Gebot verantwortlich sind, auch nicht, ob die damaligen Menschen fortgeschritten genug waren für eine solche abstrakte Religiosität ohne jeden Kirchenkult. Der Götzendienst ringsum und namentlich die ägyptische Gemeinschaft, die Neigung des Volkes zu Rückfällen (goldenes Kalb) zwangen wohl zu solchem Vorgehen. »Verstöret alle Orte, da die Heiden, die ihr vertreiben werdet, ihren Göttern gedient haben, es sei auf hohen Bergen, aut Hügeln oder unter grünen Bäumen; reißt um ihre Altäre und zerbrecht ihre Säulen und verbrennet mit Feuer ihre Haine, und die Bilder ihrer Götter zerschlaget.« In letzter Konsequenz verlangt er für den alleinigeinzigen Gott nur einen Altar aus Erde oder nichtgehauenen Steinen, und auch nicht mit Stufen, die hinauitühren. »Du würdest sonst den Altar entweihen; und wenn ihr über den Jordan kommt, so sollst du große Steine aufrichten und sie mit Kalk tünchen und daraufschreiben alle Worte dieses Gesetzes; und daselbst sollst du dem Herrn, deinem Gotte, einen steinernen Altar bauen, darüber kein Eisen fährt, von ganzen Steinen.« Also nur der Xame des Herrn und die Schriftzeichen seines göttlichen Gebotes sollten die einzig sichtbaren Zeichen religiöser Verehrung sein. Selbst plastisches Ornament ist verdammt. Wahrlich in ihrer monumentalen Einfach- heit von kolossaler Größe. Und doch hat dieses Ciebot, welches die Grenzen menschlicher Gedanken verlegte und das Getühl in der Brust des Kleinbürgers überschätzte, in seinem \'olke den Sinn für die künstlerische Darstellung des Körpers und damit den Sinn für Plastik verkümmert. Neigung und Talent zu Kunsthandwerken finden wir im Pentateuch schon (z. B. als die Juden aus dem Ge- schmeide und den Ohrspangen der Weiber das goldene Kalb ver- fertigen — die eherne Mosesschlange der Tempel in Jerusalem).

ASKLEPIOS.

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Wenn wir die Kultur- und Kunstgeschichte verfolgen, so werden wir immer bestätigt linden, daß, wenn auch nicht aus religiösem Gefühl heraus die Meisterwerke geschallen wurden, daß doch die Kirche Pate stand. Canova fand den A'lut, den großen Korsen, als er ihm Modell saß, von dem triumphierenden Einfluß von Kirche und Religion aut bildende Kunst so zu überzeugen, daß dieser zum Schluß zögernd zugestand, daß die Religion die Nährmutter aller Künste sei. Der mosaische Gesetzgeber vergaß auch, daß anderseits wieder die reinen und großen Werke der Kunst imstande sind, auch voraussetzungslos betrachtet, religiöse Gefühle zu er- wecken. Denn Schönheit und Religion sind verwandte Gebiete. Es ist das unsterbliche Verdienst des Griechenvolkes, diese Nachbar- länder zu einem harmonischen Ganzen gebracht zu haben. Sie Schuten zur Versinnbildlichung überirdischer Krälte, zur Personi- hkation der körperlichen und seelischen \'orgänge Göttergestalten von so berückender Schöne und Reinheit, daß deren auf uns ge- kommene Reste, selbst noch losgelöst vom erhabenen Throne ihres Heiligtums, auch noch heute imstande sind, dem nahenden Fremd- ling das Reingetühl innerlichster Freude und Hingabe, und damit auch der Demut ^

und Religion zu erwecken. Solchen Be- /

trachtungen müssen wir uns hingeben, wenn wir vor das Antlitz des Heilgottes , ^

treten. Und dieses Antlitz des Gottes allein schon ist es, welches uns heute noch in den Bann des klassischen Altertums tut. Man darf wohl unbestritten behaupten, daß die Göttergestalt des Asklepios heut- zutage noch eine populäre ist, und daß

'~^ ^ ' Vergröfserte Originalphotographie.

der aut den Schlangenstab gestützte Gott

im Geistesleben der modernen Menschheit lebendig ist. Auch heute noch sind die Attribute des Gottes oder er selbst symbolisch in der Medizin. Und als man in Berlin in diesen Tagen daran ging, ein neues imposantes Heim der Kaiser-Wilhelm -Akademie zu

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ig. 12

. Münze aus der Stadt Teos.

ionischen

60 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

bauen, da stellte man seine Kolossalfigur an das Eingangstor (s. hinten).

Obwohl wir aus der Blütezeit griechischer Kunst nur Fragmente besitzen, und auch, was die großen Statuen betrifft, auf spätere griechische und römische Kopien angewiesen sind, wie wir ja später noch sehen werden, so ist uns durch diese und durch eine große

Reihe von Terrakotten, Bronzen, Miinzen /^^'/'^^'^^ ^' (Fig- II 14) '•"'"-^ Grabreliefs des Gottes

.V - 1 . ji, Bildnis bis in die kleinsten Nuancen hin be- ',^^1 kannt. Das Gemeinsame aller Darstellungen des Asklepios ist die gelassene Ruhe des (jottes, sei es, daß er dargestellt wird in der häufigsten Form stehend und aui den Schlangenstab leicht gestützt, ruhig dahin-

Fig. 13. .Xthenische Tetra- , . , . . 1 r o-

drachme mit Asklepios als schreiteud, sei es thronend aui seinem Sitze.

Beizeichen. ^ , -p, , . ,, ,-,

,, ,. „.. ,, Gelassene Ruhe m allen Bewegungen, vor

Vergrofserte Origioalphotographie. ^ ^

allem auch im Spiel der Mienen. Thrämer unterschied zunächst vier Typen des stehenden Gottes. Dabei zeigt die Statue folgende gemeinschaftlichen Merkmale der Anordnung: der Oberkörper ist zum Teil nackt, ein Arm gewöhnlich verhüllt, die Füße meist bekleidet. Das trennende Prinzip ist die Länge und die Verwendung des Schlangenstabes. Je nachdem der Stab unter der rechten oder linken Achsel gestützt wird, je nachdem die rechte oder die linke Hand den Schlangenstab gefaßt hält, entstehen vier Tvpen mit verschiedener Körperhaltung. Allerdings meint \\'olters wohl mit Recht, daß, wenn der Stab nur bis zur Hand reichte, dies ott nur eine Nachlässigkeit des Kopisten bedeute.

I. Typus: Charakteristisches Beispiel hierfür ist der von der Tiberinsel stammende, im Neapeler Nationalmuseum befindliche Äskulap (Fig. 6). Der Körper stützt sich mit der rechten Achsel aut den langen Stab, die Hand ruht an ihm ausgestreckt. Der linke Arm ist in die Seite gestemmt, meist ganz verdeckt durch das Gewand, wodurch dieses etwas Geschlossenes erhält. Denselben Typus zeigen der schöne Asklepios aus dem Lateran (s. Fig. 7),

ASKLEPIOS.

Gl

der jugendlich unbärtige aus dem Vatiican (s. Fig. 9), sowie der Gott aus der Villa Borghese, und auch eine stark restaurierte, aber sonst in der Anordnung identische Bildsäule im Berliner Aken Museum (s. Fig. 8). Diese Anordnung des Gottes, der aut dem linken Fuße die ganze Körperlast trägt und den rechten zurücksetzt, den Stab unter die rechte Achsel, ist, soweit wir das überkommene statuarische Erbe als Beweis heranziehen können, das gangbarste Modell des Gottes, das auch auf Münzen und Reliefs vorherrscht

(s. Fig. 11 14)-

2. Tvpus: Der Gott stützt sich auf den Knotenstab mit dem linken Arm, das Gewand läßt die rechte Seite bis zur stark aus- gebogenen Hüfte, wie auch den einge- stemmten rechten Arm unbedeckt. Eine Anzahl in Epidauros gefundener Wieder- holungen (Fig. 13) zeigt die Beliebtheit des Tvpus gerade in dieser Stadt. Zu der besten epidaurischen Replik stimmt in Umrissen wie Kopfhaltung der be- rühmte Kopf aus Melos, der somit einer Statue dieser Art angehört haben muß. Erwähnenswert ist auch, daß Ovid den Stab links führen läßt (Metamorphos.

Buch 13, \'ers 634):

qualis in aede Esse solet, haculumque tenens agreste sinistra.

Bei dieser verschiedenen Anordnung der Verwendung des charak- teristischen Schlangenstabes ist folgender Punkt beachtenswert. Der Künstler, der den Tvpus schuf, wollte durchaus den Eindruck vermeiden, daß der Gott müde oder der Stabstütze bedurfte. Der Stab war offenbar nur die körperliche Verbindung und die Be- ziehung zum Schlangentier. Stützt sich nun der Gott mit der Rechten auf den Stab und hat die Linke unter dem Himation versteckt, so hat er keine Hand frei; für das Bildnis eines werk- tätigen Gottes ein schlechter Ausdruck! Die Künstler halfen sich

/

Fig. 14. Römisches Bronzemedaillon des Kaisers Hadrian.

62

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

in der Weise, daß der rechte Arm dann schlaff herunterhing, die Hand in der Ruhestellung, fast nie den Stab umfassend, oder mit dem Kopf der Schlange spielend.

Origr^hot. Athen, Nat.-Iiltiseum.

Fig. 15. Asklepios, antike Statue aus Epidauros.

Ich weiß nicht, ob der schöne Äskulap aus dem Thermenmuseum (Fig. 16) in Rom seine Originalhand besitzt; in dem Falle ist es

STATUEN. 63

bedeutungsvoll, daß der Gott die Finger nicht um die Keule legt, und auch die Linke lugt aus dem Gewände hervor und trägt eine Schrit'trolle. Auf ieden Fall also bedeutet der Stab nicht eine

Phot. Alinari. Rom, i hertnentituseiiii

Fig. 16. Asklepios, antike Marmorstatue.

Keule, die der Gott kraftvoll umspannt, etwa wie Herakles, und ist auch nicht eine Stütze, auf welche der müde Körper sich aut- stemmt, oder mit Hilfe dessen er vorwärts schreitet, sondern nur

64 ßlE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

ein Mittler zwischen dem Gott und dem Tier. Nicht wunder aber darf es nehmen, wenn spätere Künstler diesen Sinn ver- kannten und einen abweichenden Ausdruck und Stellung schufen.

Fig. 17. Asklepios, antike Statue.

Das kleine Kunstwerk aus Bronze aus dem Berliner Antiquarium, das Thrämer abbildet, bei dem der Gott sich mit beiden Händen aut den langen Stab stützt, zeigt ganz fremde Züge; der grübelnde,

ASKLEPIOSSTATUEN.

65

f/

sinnende, besorgte Zug im Antlitz des Arztes stimmt nicht mit der hellenischen Auffassung überein; es ist nach Furtwänglers Nach- weis eine Arbeit aus dem 16. bis 17. Jahrhundert. Die Bronze ist jetzt aus der Sammlung genommen. Eine ähnliche Anordnung zeigt allerdings die Liverpooler Flachrelieffigur des Gottes in Elfen- bein geschnitzt. Hier steht der Gott auf dtm rechten Standbein, eine mächtige Keule stützt die linke Schulter, an ihr ringelt eine Riesenschlange; der Gott aber hält in der Rechten eine Rolle, die er mit sinnendem Ausdruck seinem Barte nähert. Neben ihm steht der winzige Telesphorus, der in einer aufgeschlagenen Rolle liest (s. Fig. 61). Alles dies nach Konzeption und Anordnung Zeichen der späten Ent- stehung und der Vertallzeit.

Der dritte Typus ist bereits flüchtig er- wähnt. Der Gott hat in der rechten Hand den Knotenstab. Beispiele hiertür sind Sta- tuen aus dem Thermenmuseum (s. Fig. 16), aus den Uffizien in Florenz (Fig. 17), so- wie die Statue aus schwarzem Marmor aut dem Kapitol (Fig. ao). Es bringt diese ^''g- 'S- '^'""^^ von Pergamon.

- . . 1 T I r^ 1 Statue des Asklepios in einem Naos

Haltung mit sich, daß der Gott als im tetrastylos. Ki^iser Caracalla lafst ein

"^ ' Zebu opfern.

Dahinschreiten daroestellt werden soll. \'on

diesem Gesichtspunkte aus erscheint die Ergänzung des rechten

xA.rmes bei der Florentiner Statue (Fig. 17) falsch.

Der vierte Tvpus (der Gott hält in der linken Hand den Stab) erklärt sich aus oberflächlicher Behandlung des zweiten l'vpus. Der Stab wird einfach nicht bis zur Achsel modelliert. Oft wird gänzlich der Stab vermißt; auch die Anordnung der Falten läßt nichts mehr von einem Drucke gegen die Falten und die Achsel erkennen, und so führt der (jott den Stab nur in der Hand. Daraus er"ibt sich dann die iranze Haltung der Figur. Man kann die epidaurisch-athenische Statue in diesem Sinne auttassen. Sonst kommt der Tvpus vor nur aut Münzen oder als Spätarbeit (s. z. B. den Asklepios aus dem Palazzo Massimo, Fig. 60).

Orig.-Plwt.

Holländer, Plastik und Medizin.

()(, DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

Die Frage, welche die Archäologen besonders beschäftigte, näm- lich die, wer der Schöpfer des Ask 1 e p iost ypu s war, hat für unsere Arbeit schon deshalb weniger Interesse, weil die antike Welt eine zweite Kunstform des Gottes kannte und liebte, die des thronenden Gottes. Nach den Berichten scheinen gerade die hervorragendsten Tempelbilder, die Gold-Eltenbeinstatuen, es ge- wesen zu sein, die den Gott in thro- nender, sitzender Stellung gezeigt haben. In dieser Stellung hat nun aber der Schlangenstab seine entscheidende Rolle '> verloren. \'on diesem thronenden Gott

j besitzen wir viele Ansichten; so z. B.

zeigt uns eine Münze aus Pergamos den thronenden Gott in einem Xaos tetrastvlos, wie ihm der Kaiser Caracalla Fig. 19. Nackter Askiepios. gerade ein Zebu opfern läßt (s. Fig. 18);

Eronzemedaiilon des Mark Aurel. 1 " 1 " ] ,*.: 1 ^ , C 4- .U,,..^^ U^l J ^4-

m bemahe identischer Stellung oiluet ihn eine epidaurische Münze des Antoninus Pius. So sah ihn Pausanias noch, und er gibt von ihm folgende Beschreibung: »Das Bild des Askiepios in Epidauros ist um die Hälfte kleiner als der olvmpische Zeus in Athen, er ist von Gold und Elfenbein (siehe oben Lukian). Die Inschrift nennt den Thrasymedes, des Arignotos Sohn, aus Faros als Meister. Er sitzt auf einem Thron, einen Stab haltend, die andere Hand hält er über den Kopf des Drachen, auch ein Hund liegt neben ihm.«

.Man hat nun zwei kostbarere Reliefs in Epidauros gefunden, welche man bei oberflächlicher Betrachtung zunächst als eine Seiten- ansicht dieser Gold-Elfenbeinstatue ansprechen möchte. Über das uns vorliegende Relief, dessen Schönheit noch aus den Resten hervorleuchtet, entnehmen wir sowohl Tatsächliches als auch Emp- fundenes aus den von i. N. Svoronos') gemachten Mitteilungen. Zunächst bringt er die Abbildung der Pendants (s. Fig. 22 und 23). Aus der Gegenüberstellung beider glaubt man im ersten Moment

') I. N. Svoronos, Das Athener Nationalmuseum, Athen 190S. Deutsch von Barth.

ASKLEPIOSSTATUEN.

67

an eine doppelte Wiedergabe desselben Gegenstandes. Beide Reliets zeigen einen männlichen Gott in beinahe derselben Stellung, von derselben (köße, beide aus pentelischem xVIarmor, beide in sehr

# '^ l|(Hi

.\,>/!/t-/'/i''( Aiiinti-! Korn, Kaf<itol. Hluseujn.

Fig. 20. Asklepiosstntuc, antiker schwarzer N[armor.

hohem Relief gearbeitet. Dasjenige, welches auch Svoronos mit Sicherheit als des Heilgottes Bildnis erkennt, wurde 1884 bei den Ausgrabungen des heiligen Bezirkes in Epidauros gefunden, ein- gemauert in einer mittelalterlichen Mauer, das Gegenstück dagegen

68

DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

in den Trümmern des an der nördlichen Seite desselben gelegenen Bades des Antoninus. Die Betrachtung des Gegenstückes zeigt nun folgende Abweichungen: Das Haupthaar und der Bart ist länger, die um den Kopt laufenden Löcher beweisen, daß das Haupt mit einem Metallkranz geschmückt war. Aus dem einfacheren Sessel des Heilgottes wurde ein Thronsessel, der ornamental durch Sphinx und Widder geschmückt war. Der Oberkörper ist entblößter, beide Füße ruhen auf dem Boden, die Haltung dieses Körpers ist da- durch vielleicht etwas majestätischer. Der unersetzliche \'erlust des

\'orderkoptes ist aus der Abbildung er- sichtlich. Diese beiden Reliefdarstellungen wurden nun von Kavvadias als getreue Nachbildungen der berühmten Gold-Elfen- beinstatue des Asklepios in Epidauros von der Hand des Thrasvmedes aus Faros be- schrieben und auch bisher allgemein dafür gehalten. Diese Meinung bekämpft Svo- ronos mit besonders einleuchtenden Be- weisen. \un ist uns auch diese Statue des Thrasvmedes genau bekannt aus der Darstellung des Pausanias (ii. 27. 2.) und den zahlreichen Münzen aus Epidauros. Aus diesen geht als wichtigstes Kriterium hervor, daß der Gott mit entblößtem Oberkörper auf dem Throne saß, die Linke in Kopthöhe einen Zepterstab haltend, die Rechte vorgestreckt über die Knie herausragend, die sich autrichtende Schlange berührend. Die bland ist dabei nach unten geöfinet, während sie auf unserem Bilde seitlich steht, und zwar so, daß auf keinen Fall eine Schlange ergänzt werden kaim. (Ein gut er- haltenes Relief, auf dem der Heilgott in ähnlicher Stellung dasitzt und welches bei der Ergänzung der Metope aus Epidauros nützlich sein könnte, befmdct sich übrigens eingemauert in dem Kapitolmuseum in Rom.) Der Finger ist ausgestreckt wie im Gespräch mit einem Adoranten. \\'as auf der Photographie nicht ersichtlich ist, ist die

\,

Berl. Ulis.

Fig. 21. Renaissanceplakette.

Originalaufnahme nach Gipsabguli.

ASKLEPIOSSTATUEN.

69

Angabe des Forschers, daß der entsprechende Platz für den Hund unversehrt gebUeben sind. Aus diesen Gründen kommt der Forscher zu dem Schluß, daß der oder die offenbar tüchtigen Meister des 4. Jahrhunderts nicht die Statue des Thrasymedes genau kopieren

-Fhct. Athen, Xut.-Muii-itii:.

Fio. 22. Asklepios, JMetope aus Epidauros.

wollten, sondern sich nur an den Typus hielten. Svoronos glaubt nun dafür eintreten zu müssen, daß beide Bildwerke gleiche Vorzüge und gleiche Technik zeigten und demnach offenbar von derselben

Hand seien.

Er nimmt an, daß beide Kunstwerke Metopen des

■yO DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

Asklepiostempels waren, doß der eine den Gott seihst, die andere Figur aber den Zeus darstellte, und daß sich dadurch die strengere, steifere und schwerfälligere Pose erkläre. In einer Bauinschriit, in der die Kosten der Herstellung des Tempels aufgeführt werden, wird Timotheos mit Wahrscheinlichkeit als Hersteller der Me- topen angeführt. Der Direktor des Athener .Münzkabinetts glaubt nun mit um so größerer Sicherheit darin die Arbeit dieses Meisters wiederzuerkennen, weil auch die tief eingeschnittenen und scharf gebrochenen Furchen des Gewandes mit den sonst bekannten Werken des Timotheos übereinstimmen. An den Umrissen dieser Beweisführung, von denen nur das auch dem Laien Verständliche herausgenommen ist, möge der Mediziner aut der einen Seite die Schwierigkeit einer archäologischen Diagnose ersehen, wie er anderseits das subtile Urteil und seine immerhin hypothetische Begründung schät-

zen lernen möge.

\J,i,'f\ , Fine naheliegende Vermutung ist es nun, das

--. '- Urbild des stehenden Gottes in dem Standbild

flg. 23. Münze aus parischem Marmor zu suchen, welches nicht

Epidauros mit thronen- "■-■- ^ ■>

dem Askiepios. j^^^ Tempel selbst, sondern in der Stadt der Fpi- daurier unter freiem Himmel in einem heiligen Bezirke stand, neben dem Bildnis der Fpione, seiner Gemahlin. Dieser Typus wurde dann von einem Phidiasschüler nach dem olympischen Zeus umsjemodelt. Keinesfalls kann das xMonument aus dem arkadischen Tesea von der Meisterhand des Skonas, oder das von Strabo be- sonders gerühmte wundervolle Flfenbeinbildnis aus Kyllene, dem Hafenplatz der Eleer, von Kolotus gefertigt, noch als Modell für die Schaffung des Tvpus als solchen in Betracht kommen.

Wir haben bisher eine Gattung von Asklepiosstatuen zu er- wähnen vermieden, welche den jugendlichen Gott vorstellt und deren Tvpus durch die berühmte Statue in dem Braccio nuovo des \'atikans (Fig. 9) zu einem bekannten geworden ist. Allerdings, um dies gleich vorweg zu nehmen, hat diese Statue wenig zu tun mit der jugendlichen Auffassung des göttlichen Knaben, von dem Pau-

ASKLEPIOSSTATUEN.

71

sanias an mehreren Stellen berichtet. Es ist natürlich durchaus un- künstlerisch, einen Jüngling auf einen Stab gestützt in dieser ma- jestätischen Haltung des Heilgottes zu modellieren. Die Statuetten, welche uns als Bildnisse einer noch ephebenhaften Männlichkeit anmuten, zeigen denn auch eine größere Beweglichkeit des ganzen Körpers. Als treffliche Beispiele dieses Apollotvpus des jugend- lichen Heilgottes können einige Statuetten im Athener National- museum selten. Bemerkenswert ist unter diesen das Bild, welches sich in dem Heiligtume des Apollo Maleates 1896 in Epidauros fand (Eig. 32) und auf gute griechische Zeit hinweist; das Original geht vielleicht auf Polvklet zurück. Eine andere ähnliche Dar- Stellung des jugendlichen Gottes ist als Weihgabe aufzufassen, die ein gewisser Ktesias dem Helfer und Retter stittete. Ganz anders die Statue im Vatikan. Hier stützte sich der Bildhauer auf sein Vorbild und kopierte dasselbe bis auf die kleinsten Fähchen des Gewandes. Die Repliken derselben Statue aus Neapel (Eig. 6) und Elorenz (Eig. 17) weisen

auf das gemeinschaftliche große Vorbild. Die

Fig. 24. Asklepiosstatue im Tempel,

schlichte und einfache Größe dieser Statuen eines reifen Mannes, die überlegene Ruhe seiner Haltung paßt zu dem ernsten, reifen, männlichen Kopf; auf diese Statue aber das jugend- lich frisierte Haupt dieses jungen Mannes gesetzt, zerstört den ganzen Eindruck. Man wird den Gedanken nicht los, daß hier Unpassendes zusammengefügt ist. Da nun diese Statue von ganz ausgezeichneter Erhaltung ist und zu den wenigen gehört, deren Kopf sich vom Rumpf nicht auch nur vorübergehend trennte, so glaube ich entschieden, daß diejenigen recht haben, welche in diesem Standbilde das Porträt eines hervorragenden Arztes sehen wollen. Es war ja in Rom Sitte geworden, sich in der Stellung berühmter antiker Skulpturen porträtieren zu lassen. So bildete z. B. Kleomenes einen vornehmen Römer, indem er eine berühmte Hermesstatue des 3. Jahrhunderts seinem Werke zugrunde legte. Ich erinnere ferner an die sogenannte Domitia im Berliner Museum als Hygieia

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

und ferner an die Liebhaberei der Kaiserinnen und vornehmen Rö- merinnen, sich im Typus aher griechischer Originalwerkc porträtieren zu lassen. Daß dieses Bildnis ein Porträt sein soll, das lehrt schon die Betrachtung der ganz eigentümlich geformten Ohren, die ziem- lich weitabstehend durch die flache Behandlung der Muschel charakterisiert sind. Gegen die Annahme freilich, daß dies Bild das Porträt des Pomponius Musa, des freigelassenen Leibarztes des

Orig.-Ait/n. Athc», Sat -Musfuiii.

Fig. 25. Metope aus Epidauros.

Augustus, vorstellen solle, spricht der Stil der Arbeit, der dem Zeitalter der Antonine angehört.

Lür denjenigen, der sich im besonderen mit der Rekonstruktion der überkommenen Torsos beschäftigen will, sei aut die fleißige Arbeit von Emil Löwe') besonders hingewiesen. Ahm bekommt durch die Gegenüberstellung von des Pausanias Erklärungen mit den sieben epidaurischen Münzen eine ungefähre Vorstellung von der

') Emil Löwe, De Aesculapi figura. Argentorati 1888.

ASKLEPIOSSTATUEN.

73

von Thrasvmedes geschaffenen Bildsäule des thronenden Gottes. Als Kuriosum erwähne ich noch schließlich, daß kürzlich ganz ernsthaft der Versuch gemacht wurde, die wechselnde Stellung des Standbeins bei dem Gott medizinisch zu erklären: »der Gott habe an Hüftgelenksverrenkung gelitten«, deshalb habe er sich auch der Heilkunde gewidmet. (!)

Wir haben bereits gelegentlich des verschiedenartigen Materials Erwähnung getan, aus dem die Standbilder gefertigt waren. Da fällt mir eine Stelle aus dem Lukian ein, wo in humoristischer Weise im »Zeus Tragoedus« die- ser Gegenstand behandelt wird. Zeus hat sich über die Debatte des Stoikers Timokles und des Epikureers Damis mächtig erregt. Letzterer hatte die Existenz der Götter überhaupt geleugnet und unter ungeheurem Zulaut die Opfer und Weihgeschenke tür überflüssig erklärt. Dieser Wett- streit zwischen den beiden Philo- sophen sollte am nächsten Tage wieder öffentlich weiter verhan- delt werden und der Oflenbach-

Zeus ruft nun eine Versammlung der interessierten Götter zu- sammen. Wie die Sache endete, lese man im Original nach. Hier ist das amüsante Vorbild für »Orpheus in der Unterwelt«.

Zeus: Brav so, Hermes, du hast deine Sache vortrefflich gemacht; und sie (die Götter) eilen schon herbei. Empfange sie also und placiere sie nach dem Werte ihres Materials oder der Kunst, mit der sie gefertigt sind: die aus Gold in der vordersten Reihe, hinter ihnen die aus Silber, dann die aus Elfenbein, hierauf die aus Erz oder Marmor, und unter diesen letzteren sollen die von Phidias oder Alkamenes oder Myron oder Euphranor oder den ahnlichen Künstlern den \'orzug haben; das kunstlose Lumpengesindel aber möge in einen

Orig.-Phot. nach Gipsahgu/s. Bril. Museum.

Fig. 26. Asklepioskopf von Melos.

74

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

entlegenen Winkel gestoßen werden, nur um stillschweigend die \"ersammlung zu füllen.

Hermes: Das soll geschehen, sie werden placiert werden, wie es sich geziemt. Laß mich aber auch das wissen; wenn einer aus Gold ist und viele Talente wiegt, die Arbeit aber nicht akkurat, sondern vollständig stümperhalt und ohne jedes Ebenmaß ist, wird dieser vor denen des Myron und Polyklet aus Erz oder des Phidias und Alkamenes aus Marmor sitzen , oder soll die Kunst für wert- voller gelten?

Zeus: Zwar sollte es so sein, allein dem Golde muß der ^'orrang zuge- standen werden.

Hermes: Ich verstehe, du befiehlest, daß sie nach dem Reichtum und nicht nach dem Verdienste sitzen sollen. Kommt ihr Goldenen also auf den ersten Platz! Wie es scheint, Zeus, werden nur solche aus dem ßarbarenland vorn sitzen. Du siehst, wie die aus Hellas sind, zwar anmutig und schön und kunstgemäß geformt, aber sämtlich aus Marmor oder Erz, nur die kostbarsten aus Elfenbein, bloß mit so viel Gold, um Farbe und Glanz zu bekommen; inwendig sind auch diese von Holz und bergen in sich ganze Scharen da hausen- der Mäuse. Hier die Bendis, dort der Anubis, neben ihm der Attis, der Mithras und der Men, die sind ganz von Gold und schwer und in Wahrheit wertvoll.

Poseidon: Ist das recht, Hermes, daß dieser Ägypter mit dem Hundsgesicht den Platz vor mir, dem Poseidon, einnimmt?

Hermes: Ja, weil die Korinther damals nicht Gold hatten, formte dich. Erderschütterer, Lysippus als armen Mann aus Erz. Dieser hier ist reicher als ganze Bergwerke; du mußt es dir also gefallen lassen, auf die Seite geschoben zu werden und nicht in Unwillen geraten, daß einer mit einer so mächtigen goldenen Nase dir vorgezogen wird.

Aphrodite: So nimm mich denn, Hermes, bei der Hand und führe mich in die erste Reihe: ich bin golden!

Hermes: Nicht, soviel ich sehen kann; falls ich nicht sehr kurzsichtig bin, bist du aus dem weißen Gesteine des Pentelikon, wenn ich nicht irre, gebrochen, und wurdest, weil Praxiteles es so wollte, als Aphrodite den Knidiern übergeben.

Aphrodite: Ich werde dir einen glaubwürdigen Zeugen, den Homer, stellen, der mich allerorten in seinen Gesängen die goldene Aphrodite nennt.

Hermes: Ach, eben der nannte auch den Apollo reich an Gold und Schätzen; nichtsdestoweniger wirst du ihn jetzt irgendwo unter der dritten Klasse sitzen sehen ; Räuber haben ihm die Kränze weggenommen und sogar die Wirbel aus der Lyra gestohlen. Sei also zufrieden, wenn du nicht gar in der letzten Klasse an der Versammlung teilnehmen mußt.

Wir haben bisher mit einer ge\Yissen Absicht es vermieden, von der Krönung der Statue, welche Körperhaltung auch vom Künstler gewählt war, von dem Kopfe des Gottes selbst, zu sprechen; es tritt an uns die wichtige Frage heran, ob die alten Künstler das Äskulapshaupt so charakteristisch gestaltet haben, daß es als solches

ASKLEPIOSKÖPFE. n z

unzweifelhatt erscheint. Diese Frage hat deshalb nicht nur theo- retische Bedeutung, weil wir gerade bei den Schöpfungen der Antike auf Ausgrabungstunde angewiesen sind, bei denen der Kopf häufig isoliert ohne Körper zutage gefördert wurde. Und es ist gerade

Fhot . Alirtarl. Rom, Vatihai: ,

Fig. 27. Zeus von Otricoli.

wohl kaum ein Spiel des Zufalls, wenn um den schönsten und reiz- vollsten aller Asklepiosköpfe, den in Melos gefundenen, ein Streit entstehen konnte. Bei einzelnen antiken Köpfen finden wir charak- teristischen Kopfschmuck, so daß jeder Zweifel schwindet, so z. B. bei der Minerva, bei Hermes, Mars oder Jupiter Ammon. Auch

j6 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

des Herkules Kopf ist durch die starke Betonung des Überkräftigen genügend charakterisiert. Beim Asklepios aber ist schon deshalb die Situation ganz anders, als sein Kopt in offenbarer Anlehnung an das Antlitz des höchsten Gottes Zeus (Fig. 27) geschaffen ist. Das Ideal des Asklepiosantlitzes ist die reine Vermenschlichung des Göttervaters unter Beibehaltung seiner sonst so charakteristischen Züge und unter bloßer Zurücktührung des Überirdischen auf ein

Orig.-Pliot nach Gipsabgii/s . Brit. Miis.-uin.

Fig. 28. Asklepioskopf von Melos. Profilansicht.

rein menschliches Maß. Durch diese enge Verwandtschaft erklärt es sich schon, daß der linkcl mit dem Großvater verglichen und verwechselt werden kann, da beide mit X'orhebe auch als im crleichen Alter stehend dartrestellt wurden. Und so linden wir in manchem .Museum einzelne Köpfe mit offenbar falscher Bezeichnung. So bemerkt Kekule von Stradonitz von dem Gesichtstypus des Zeus, daß er namentlich später dem des Asklepios immer ähnlicher wurde. Im ganzen genommen jedoch bleiben die Züge des As- klepios einlacher und weniger gewaltsam. »Sie bewahren viel \on

ASKLEPIOSKÖPFE. 77

dem schlichten Stil, in dem der Gott nach der ölientlichen Aut- nahme seiner Verehrung in Athen im Jahre 420 v. Chr. zuerst dort gebildet wurde.« Über denselben Gegenstand spricht sich O V e r b e c k folgendermaßen aus ') :

»Demnächst dürfte man berechtigt sein, mit nicht geringer Wahr-

lii'iii , rlteriiit'iiiititsi'Uni

Fig. 29. Asklepioskopf.

scheinlichkeit das Ideal des Asklepios, für dessen Schöpfung durch den späten pergamenischen Künstler Phvromachos man nichts als die allerunzulänglichsten Gründe angeben kann, aut das Tempel- bild dieses Gottes von Alkamenes in Mantineia (Pausanias 8, 9, i)

') Overbeck, Geschichte der griechischen Plastik. 4. Auti, I, Seite 37g.

y8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

zurückzuführen und zwar deshalb, weil das Ideal des Asklepios wesentlich als eine geistreiche Umbildung des von Phidias aus- geprägten Zeusideals erscheint, eine Umbildung, die unter Beibe- haltung der meisten charakteristischen Formen doch vermöge ihrer Herabsetzuno auf ein reiner Menschliches die Hoheit des Welt- regierers durch die herzliche Milde und Klugheit des hilfreichen Heilgottes zu ersetzen weiß. Ein solches Anlehnen an die Schöpfung des Meisters und zugleich ihre so feine und geistreiche Umgestaltung dürfen wir Alkamenes wohl zutrauen und ein solches Festhalten des Zeustvpus, der ja an sich nicht im Wesen des Asklepios not- wendig begründet ist, am ehesten von einem Schüler Phidias' er- warten. Und da wir nun endlich wissen, daß spätere Meister, wie z. B. Skopas, den Heilgott jugendlich auffaßten, also seinen Typus wesentlich änderten, so haben wir wenigstens einigen Boden unter den Füßen, wenn wir es als nicht unwahrscheinlich hinstellen, daß das Ideal des zeusartig aufgefaßten älteren x\sklepios auf Alkamenes zurückgehe.«

Von diesen Asklepiosköpfen steht an erster Stelle der von Melos (s. Titelbild und Fig. 26 und 28); die Photographie versagt voll- kommen bei der Wiedergabe einer Plastik; sie spiegelt je nach der Beleuchtung und Stellung Trug- und Zerrbilder vor, der Gips- abguß gleicht dem Grammophon der Stimme. Das Unvergleich- liche, Rührende und Überwältigende erfaßt erst den Beschauer, der selbst nach einem (iang durch all die Herrlichkeiten des Briten- museums verwöhnt und ermüdet zugleich vor das Antlitz des Gottes tritt. Der wohl durch Alterspatina oder auch Farbreste geschaffene Kontrast des blassen Marmorgesichtes mit den bräunlich-blonden Locken und Bart erhöht noch den Gesamtausdruck; das aut dem Bilde zu schmale Antlitz, das sich in der Flut der Haare verliert, wächst im Steine zu herrlicher, milder Größe.

Diesem Meisterwerk gegenüber verliert der Kopt aus dem Thermenmuseum in Rom (Fig. 29) an (iröße; verglichen mit dem Zeus von Otricoli (Fig. 27) erkennt man beinahe Zug um Zug dessen reduzierte Ausgabe. Obwohl die Wendung des Kopfes auf

ASKLEPIOSKÖPFE. yo

unserer Photographie für den Vergleich ungünstig ist, hesteht doch eine große Ähnhchkeit in der Behandlung des Ausdrucks und der

Orig.-Au/ji. Athen, Nat. -.Museum.

I'ig. 30. Asklepiostorso aus Piräus (Kunstrichtung der Skopas).

Haar- und Bartbildung namentlich mit den Kopten in Neapel und im Louvre. Eigentümlich bei diesem Kolossalkopt ist nur der

80 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

Übergang der Haargrenze. Wenn nicht ausdrücklich der Kopt und der Oberkörper des athenischen Xationahiiuseums, der in Piräus 1888

.'- Brogi. Arckaol. JJustit/n.

Fig. 31. Asklepios, antike Marmorstatue. Syrakus.

gefunden wurde, von den Archäologen als Resle einer Askulapstatue anerkannt wären, so müßte die Vergleichung mit den übrigen Asklepiosstatuen starke Zweifel nach der Richtung autlamimen

ASKLEPIOSKÖPFE. 8 1

lassen (s. Fig. 30). Sowohl der Ausdruck des Kopfes als namentlich auch seine Haltung mit ihrer scharfen Drehung nach oben, die völlige Nacktheit der ganzen Brustpartie bis unterhalb des Nabels unterstützen diese Zweifel. Die Augenhöhlen waren offenbar von künstlichen Augen erfüllt, das Wirre und, man möchte beinahe sagen, Leidenschaftliche der Lockenbildung, der ziemlich geöffnete Mund, das stärkere Hervortreten der Backenknochen verändern d;is gewohnte Bild, und man denkt zunächst vielleicht an einen Xeptun. Die starke Vorwölbung und Neigung des unteren Bauchabschnittes haben schon V. Stais veranlaßt, anzunehmen, daß eventuell eine Statue des sitzenden Gottes in Frage kommen könne. Dagegen spricht aber dann die Kopfhaltung. Anderseits haben wir es sicher hier mit einer vorzüglichen Kopie einer Arbeit des 4. Jahr- hunderts zu tun.

Dem unbärtigen Jünglingskopf unseres Gottes, wie ihn z. B. Kaiamis (Pausanias IL 10. 3) darstellte, fehlen jegliche charakteri- stische Attribute, selbst wenn der Kopf in irgendeiner Weise bekränzt dargestellt ist. Da ist denn der darstellende Künstler auf die anderen Attribute angewiesen, und von diesen besitzt der Heilgott eine ganze Anzahl charakteristischer und schmückender.

Wenn wir uns jetzt zu diesen Attributen wenden, so scheint es zunächst vielleicht seltsam und merkwürdig, daß wir Herkunft und Inhalt dieser Verkörperungen oftmals nur ahnen, und daß diese demgemäß die verschiedenen Autoren verschieden auslegen. Nur darüber kann eine Teilung der Ansichten wohl kaum entstehen, daß der verschiedene Kopfschmuck des Gottes gewissermaßen nur als Epitheton ornans zu gelten hat. Denn das Theristrion, die glatte oder auch die gedrehte Binde, die »vitta tortilis« der Römer, finden wir bei verschiedenen Göttern. Sie wechselt bei dem Asklepios von der anspruchslosen Binde, die nur die Fülle der Locken meistert und die Haare am Schädel anlegt, bis zu einem richtigen Kopf- schmuck-, den- den Kopf krönt, wie bei der Statue im Nationalmuseum Neapels und ihn gloriolenhaft verschönt. Wenn echt, belastet die schlangenleibdicke Wulstung des Berliner Gottes (Fig. 8) dessen

Holländer, Plastik und Medizin.

82

DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

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Fig. 32. Asklepios-Apollo, antike IMarmorstatue.

r.eriinden in Epidauros im Heiligtum der ApoUon Maleatas 1896.

DER OMPHALOS. 83

frisiertes Haupt, vielleicht von unten betrachtet, weniger ungünstig. Dasselbe gilt von der Syrakuser Gottheit (s. Fig. 31), einer offen- bar schwachen \'erkörperung unseres Ideals. Solchen Kopfschmuck sehen wir vielfach verwendet. Doch auch mit anderem ungewöhn- licherem Schmuck umgab man das geliebte Haupt; ein Lorbeerkranz machte ihn wiederum dem Zeusvater ähnlicher. \\>lches Diadem den himmlisch schönen Kopt des Britenmuseums krönte, ist nicht mehr zu sagen, es wird wohl ein goldenes Theristrion gewesen sein oder ein Kranz von größerer Ausdehnung und Gewicht; dafür sprechen noch die Überreste der umfangreichen Befestigung am Stein. Wir erinnern noch an den Rosenkranz seines Sohnes Machaon.

DER NABEL.

Vielfach finden wir, so z. ß. bei dem Neapolitaner Standbilde, dem Syrakuser und anderen, neben dem linken Fuße des Gottes einen eitörmigen, rundlichen Körper, der durch Netzwerk verziert erscheint; derselbe Gegenstand, von einer Schlange umgeben, wieder- holt sich auf pergamenischen und anderen Münzen. Panofka IL 13 bildet einen solchen aus Nakrasa in Lydien ab. Die Deutung dieses Körpers gelingt nicht ohne weiteres. Zunächst ist man versucht an einen großen Pinienzapten zu denken, denselben, den der Gott bisweilen in der Hand trägt. Doch die nähere Betrachtung lehrt, daß die kreuzweise gestellte Ornamentik mit dem rundlichen münzen- förmigen Kreuzungspunkt der geometrischen Linienführung eines Pinienzapfens, wie er in der griechischen Kunst seltener, in der römischen Kunst aber häufiger dargestellt wurde, widerspricht. Dabei ist die erhabene Ornamentik dieses Steinkegels durchaus keine willkürliche, und finden wir sie auch hei den offenbar späteren Wiederholungen in der charakteristischen Form, so z. B. auch bei dem vatikanischen jugendlichen Äskulap.

Auf der Suche nach der Deutung dieses benetzten rundlichen Körpers, finden wir auch einen ähnlich behauenen großen weißen Marmorblock aus Delphi, der mit Recht wohl als zum delphischen

84

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Orakel gehörig angesprochen wird. Tansanias sagt von diesem, den »Oniphalos«, den Nabel darstellenden Werk, daß er nach der Sage der Delpher der Mittelpunkt der ganzen Erde sei, und Pindar habe in einer Ode Gleiches gesungen (Pausanias X, i6). Dieser antike Reiseführer erwähnt noch einen zweiten Omphalos (II, 13), nämlich in Phliasia, »nicht weit vom Markte ist der sogenannte

Omphalos, der Mittelpunkt des ganzen Peloponnes, wenn sie nämlich die Wahrheit sagen«. Die Betrachtung dieses, dicht neben dem großen Altar gefundenen delphischen Nabels zeigt in der Form zwar eine genaue Übereinstimmung mit dem abgeplatteten zuckerhut- artigen Gebilde zu Füßen des lleilgottes: aber im Gegensatz zu der regelmäßigen, quadra- tischen Benetzung dieses zeigt er eine ähnliche, aber erheb- lich kompliziertere Ornamen- tik. Verfolgen wir diese, so macht es den Eindruck, als wenn Binden und Bänder um den Stein gelegt seien, die sich parallel begegnen und rechtwinklig kreuzen, aber in der Weise, daß sie nicht miteinander verschlungen und geknotet sind, sondern unter- und übereinander um den Stein gelegt erscheinen. Diese, dadurch wie die Glieder einer Tänie gestalteten Bandornamente müssen wir uns wohl larbig vorstellen, schwarz und weiß, als Ausdruck des Wechselspiels zwischen Leben und Tod. Mit der Betrachtung dieser Stein- symbolik aus Delphi werden wir der innere]! Auflösung des Attri- butes unseres Gottes nahekommen. Dem Apollo, dessen Kultus

W 4

/■//■.' .-iniiari. Delphi

Fig- 33- Der Omphalos von Delphi.

OMPHALOS.

85

als des Gottes der Weissagung in Delphi seinen Höhepunkt fand, war der 7Aim Orakel gehörige Omphalos eigentümlich. Auf dem Omphalos sitzend, verkündet Apollo nach Euripides seine Sprüche;

Orig.-Phot. AtJuii, Nat.-MliSiiun.

Fig. 34. Asklepios auf dem Omphalos sitzend.

das Symhol des großen Vaters ging aut den kleineren Sohn über, und auch neben dem weissagenden und traumdeutenden Gott in Hpidauros war ganz am Platz gewissermaßen die kleinere Ausgabe des delphischen Omphalos. Inwieweit die Eitorm dieses Symbols

86 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

dem mythischen Urei und dem Dualismus des männlich-weiblichen Prinzipes nahekommt, wie das Bachofen') in seiner »Gräber- symbolik der x-\lten« annimmt, das soll an dieser Stelle in den Hintergrund treten. Als Basis von Apollostatuen diente der Om- phalos gelegenthch. Eine solche befindet sich mit den Fußresten im Athener Museum, Nr. 46 des Katalogs.

Xoch eine andere Möglichkeit verdient genannt zu werden, wenn auch dieser Gedanke auf Widerstand stoßen wird. Es ist immerhin möglich, daß die Gestalt des Schröpfkopfes, wie wir noch zeigen werden, die offenbare Marke ärztlicher und heilhelfe- rischer Tätigkeit, gelegentlich zur Anwendung kam, und daß diese formverwandte Linie für den Omphalos gehalten wurde oder um- gekehrt, wie sie anderseits auch eine Personifikation im Telesphorus fand. Überfließen undeutlich gewordener mythologischer Ideen in verwandte Formen finden wir bei Religionsvorstellungen häufig.

Völlige Aufklärung bringt das quadratische Relief (60x33 cm 1388) aus dem Athener x'\sklepieion , eine strenge Arbeit des 3. Jahrhunderts, im attischen Stil (s. Fig. 34). Auf einem großen Omphalos sitzt x'Vsklepios, den Kopf nach rechts wendend; der rechte Arm rechtwinklig erhoben. Der Stab, den er hier hielt, ist zwar verloren gegangen, aber am Grunde ist seine Befestigung noch erkennbar. Der Gott sitzt ungeschickt und gezwungen; der Ober- körper ist ziemlich entblößt, er wendet sich zu einem jugendlichen Manne, dessen Größe es erkennen läßt, daß kein Sterblicher gemeint ist. Neben ihm sitzt Hygieia, die züchtig mädchenhafte Göttin.

In dem Ornament zu des Gottes Füßen müssen wir also den plastischen Ausdruck der prophetischen Gabe des Heil- gottes erlvcnnen. In der antiken ursprünglichen Machtsphäre des Asklepios überwog die göttliche Kraft der Orakelspende, die der Tiefe der Erde entsprang. Wie des \'aters xA.pollo Sehergabe beim heiligen Dreifuß sich in den Orakeln der Pythia kund tat, so gab unser Gott durch die beim Tempelschlaf gespendeten Träume die Richtung auf das Heil. Der Omphalos ist also das Svmbol göttlicher Intuition.

') J. J. Bachofen, Versuch über die GräbersymboHk der Alten. Berlin 1859.

DIE SCHLANGE. ^n

DIE SCHLANGE.

Das charakteristische Svmbol des Heikottes ist die Schlange. Doch sofort bedarf es einer ziemHchen Einschränkung, denn von den Zeiten primitivster Mythenbildung bis in die Klügelei der mo- dernen Zeit war das Schlangensymbol die vulgärste Attrappe für allerlei andere Vorstellungen. Bei allen \'ölkern und zu allen Zeiten spielt diese Tierform in Sagen und Märchen eine bedeutsame Rolle, und unter ihrer Gestalt iinden wir selbst kontrastierende Yor- stellungen vereinigt. Gott strafte die Paradiesschlange folgender- maßen: er nahm der Schlange die Sprache und ihrer Zunge gab er Gitt, erklärte sie für einen Feind des Menschen- geschlechts und verhieß ihr, daß ihr der Kopf zerschlagen werden sollte, er beraubte sie der Füße und hieß sie sich im Staube der Erde wälzen'). ^BK^'^ K iJ\

Wenn wir uns bei dem Studium einer Schlan- V^^^J") A gensymbolik nur auf das Altertum beschränken '■'''' \-'.i-iV''

wollen, so hnden wir diese Tiere als Begleiter i'ig. 35. A^kicpios auf

ö

1 /^ . . 1 o 1 1 «- neflügelter Schlange.

Vieler Gottheiten. So wissen wir aus der Mv- .

Münze aus Nikäa in Eithynien.

thologie, daß die Schlangenform beliebt war, wenn Götter in Verwandlungen heimliche Taten vollbrachten. So verwandelte sich z. B. Zeus in eine Schlange, als er der Demeter oder Rheia sich näherte. Im Piräus wurde Zeus Meilichios als Schlange verehrt (s. Fig. 37).

Auch Apollo ist die Schlange beigeordnet. Die delphische Orakelstätte war durch Schlangengewinde geschmückt, dem Svmbol der erdständigen chthonischen Gottheit. Es genügt aber, nur an den Hermesstab zu erinnern, um darauf hinzuweisen, daß die Schlange durchaus kein charakteristisches Symbol des Heilgottes sei. Auch der wesensverwandte Sarapis führt gelegentlich den Schlangenstab.

Eine besondere Schwierigkeit erwächst uns noch, wie wir bei der Besprechung der Grabdenkmäler sehen werden, durch die so- genannte Toten seh lange, welche dort direkt zu Verwechs-

') Fla vi US Joseph US, Jüd. Altertümer, i. Band.

88 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

lungen mit der Schlange des Äskulap auffordert. Im Gegensatz zu der freieren Verwendung der Asklepiosschlange bei seiner häufigsten Begleiterin, der Tochter Hygieia, finden wir bei den statuarischen Denkmälern des Gottes fast eine einzige Anordnung. Zu den Füßen des Gottes ringelt sich die Schlange, und der Stab, an dem sich das Tier emporwindet, bildet die innige Verbindung zwischen beiden. Die Auffassung, daß der Gott einen Vv-^tnderstab trägt, auf den er sich stützt, entspricht nicht dem göttlichen Wesen des Heilers. Ist der Gott sitzend dargestellt, so finden wir die Schlange meist unter seinem Sessel, aber der Stab charakterisiert den Gott ; künstlerische Momente veranlaßten hier wieder die Trennung. Füllt die Lücke unter dem Sessel ein Hund, so ist die Schlange am Stabe ange- deutet, oft fehlt auch der Stab, den man sich dann aber gemalt oder sonstwie ergänzt denken muß.

Wie kam nun unser Gott zu dem Symbol? Da muß nun zu- nächst darauf hingewiesen werden, daß eine antike Wortauslegung den Namen Asklepios als Askalabos definierte; die ältesten Griechen stellten sich die Erdgeister, die den Menschen im Schlummer er- scheinen und weise Ratschläge geben, besonders solche, die sich auf die Gesundheit erstreckten, in Schlangengestalt vor, wie ja die Schlange in der Symbolik jener frühen Zeit als der Arzt unter den Tieren galt'). Ob diese Voraussetzung richtig ist, ist hier nicht möglich zu entscheiden. Wir erinnern nur an die Vorstellung des Zeus Meilichios als Schlangentier und an die Mythe, daß der Heil- gott selbst der Aristodeme als Schlange beiwohnte. Jedenfalls hat die freisinnis:e Griechenseele von einem Tierfetischismus sich bald abgewandt. Die Ursachen, der Schlange dämonische Kratt zu vin- dizieren, sind vielfache. Ihr Biß als Gift und Gegengift, die Ge- schwindigkeit ihrer Fortbewegung, ihr Züngeln, ihre Vielgestaltigkeit, ihre innige Verbindung mit der Erde, vor allem aber die Beobach- tung ihrer scheinbar einzigartigen Häutung als autdringliches Symbol von \'erjüngung und Wiedergeburt.

') O. Gruppe, Griech. Mythologie und Religionsgeschichte, i\Iünchen 1906, im Handbuch von I\v. V. Müller.

DIE SCHLANGE. 89

Sinngemäß linden wir so einmal die Schlange als Personifikation des »Giftigen Bösen«, Unheilbringenden und Unheilverkündenden. Mit dem Übergang zum Schlangendrachen sehen wir bei den ver- schiedensten Kulten immer wieder die Figur des »Drachentöters« als des befreienden Helden. Bei dem antiken hellenischen Glauben überwiegte jedoch die gegenteilige Vorstellung des rein Göttlichen. Ihre enge Beziehung zur Erde galt als chthonischer Gedanke par excellence; die Schlange wurde in erster Linie zum Genius loci, zum Wächter und zum orakelspendenden Schützer eines Tempels, eines Ortes, und auch vor allem des letzten Ortes, des Grabes. Römische Monumente und Altäre waren den »sanctis draconibus« geweiht, und die Unterscheidung zwischen ihnen und den Laren und Penaten verwischt. Die Orakelidee knüpft sich des weiteren an dieses Tier, das lehrt schon die Geschichte der Erechtheus- schlange, welche durch das Unberührtlassen der Speise das drohende Unheil voraussagt. Nur die fressende Schlange bedeutet glückliche Wendung und so wird mit Vorliebe das göttliche Heilerpaar und namentlich Hvgieia mit fressender Schlange bildlich verkörpert. Honig und Honigkuchen sind die Lieblingsbissen für die Äskulap- schlange. Hier sei noch daran erinnert, daß erdgeborene Götter, die Giganten in hellenischer Zeit, einen Schlangenleib zeigten. Das Kind der Gäa, »die Schlange«, gehörte naturgemäß auch an den Platz der Erde, wo aus ihrer Tiefe die Zauberkraft der ^^>is- sagung hervorging, und der Drache ist der Hüter der ersten und bedeutendsten Orakelstätte Delphis. Und der feuerspeiende Drachen, der Furcht und Schrecken und grauliche Verehrung der überheiligen Stelle hervorruft, verkleinert sich zur glatten Schlange des Heil- gottes. Alles das sind Momente, die der reflektierende Geist aus dem Mythenkranz hellenischer Vorstellung als Begründung dafür losgelöst hatte, um die Schlange zu Füßen des Gottes zu moti- vieren. Es steht demnach im Belieben des einzelnen, aut das eine oder andere Motiv mehr Gewicht zu legen und entweder des Plinius Auslegung zu folgen, der (Hist. nat. VI, 22) die Symboli- sierung damit erklärt, daß die Schlange selbst eine Menge Heil-

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mittel liefere und besonders scharfe Augen habe, oder Welcker zu folgen, wenn er das Orakeltier bevorzugt, oder Maehlv, wenn er in dem Häutungsvorgange das Verjüngungsprinzip als Vor- stellung der Genesung und ewiger Jugend das Entscheidende sieht. Das scheint mir heutzutage mehr persönlicher Geschmack, da der Beweis auch schon vor beinahe 2000 Jahren nicht mehr erbringlich war. Hier hilft vielleicht nur die vergleichende Sagengeschichte, und da muß ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß schon die Mosesschlange den Beweis bringt, daß auch in der Vorstellung der alten Juden der Heilbegritf der Schlange existierte, und daß auch den Ägyptern die Schlange das Symbol der Unsterblichkeit war. Jedenfiills imponierte den Römern, als sie gelegentlich einer Pest sich von Epidauros 293 v. Chr. die Äskulapschlange herüber- holten, das Gewürm außerordentlich. Die Schlan2;e bür2;erte sich derartig in Rom ein, daß man von einer wirklichen Schlangen- plage reden konnte. Sie wurde zum richtigen Haustier und damit schließlich zu einer Belästigung. Wir können verstehen, daß man- chem weniger Tierliebenden und weniger Kultfreudigen dieses Getier unangenehm war, namentlich wenn sich die heißblütigen Römerinnen den epidaurischen Gott zur Kühlung um Hals und Busen legten, und daß die Mißgünstigen die vielen Stadtbrände nur unter dem Gesichtswinkel betrachteten, daß dadurch wenigstens die Schlangenbrut mit zerstört wurde. (Siehe Maehlv.)

Es ist bekannt, daß die Römer der Tiberinsel äußerlich durch eine Travertinverkleidung die Form eines Schiffes gaben und daß ein Obelisk die Stelle des Mastes versah. Das taten sie, als Rom bei Epidauros Hilte suchte gegen eine Epidemie und man dem Schlangengott in der eigenen Stadt eine Kultstätte geben wollte. Angeblich entschlüpfte die Epidaurosschlange den Heimkehrenden aut der Insel unil darin sah man des Gottes V/unsch, hier sein Heim zu haben. Römische Reliefs und Medaillons aus antoni- nischer Zeit halten diesen Moment fest; aber auch die Insel, jetzt Isola S. Bartolommeo genannt, zeigt noch einige Erinnerungen alter Bestimmung. An der östlichen Kante hat sich ein Teil der alten

DIE SCHLANGE.

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Travertinverkleiduna: erhalten. Man sieht da die Reste des Schiff- bugs und die x^usladung des Rumptcs für die Ruderer. Aut unserer Abbildung (s. Fig. 36) sehen wir noch die Stelle, wo die Büste

Fig. ö''- Ustecke der Tiberinsel S. Baitulcimmeo.

.Alle Travertinbekleidiing mit Emblemrestea,

des Gottes als Verzierung angebracht war. Es mui:^ wirkungsvoll gewesen sein, denn sonst hätte man sich nicht die Mühe gegeben, es glatt abzusägen'). Vielleicht Inndet es sich, kenntlich an der

') In den .Annnli deU' Istit, 1S67, tav. d'agy. K. findet sich noch eine vollständigere Abbildung.

92 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

glatten Hinterflachc, noch irgendwo. Eine im Winde flatternde Locke hat sich noch aut dem Fond erhalten. Ebenso der Stab mit der Schlange und seitlich vorspringend ein Stierlcopf. Offenbar korrespondierten an den andern Stellen der W'rkleidung ahnliche Embleme. Unsere Abbildung entstammt älterer Zeit, wo man die Stelle archäologisch untersucht und freigelegt hatte. Die ganze Schiffsflanke ist aber jetzt wieder versandet und bis beinahe zur Höhe der Schlange mit Schlamm und Sand bedeckt.

Die Schlange als Symbol der Heilkratt schlängelt sich bis in die modernste Zeit. Es war die Autgabe gestellt, für den Berliner Hygiene-Kongreß eine symbolisierende Plakette zu schaffen. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich die Armut unserer Zeit an sinn- fälliger Allegorie. Mein Vorschlag, eine Giftschlange zu bilden, der eine nervige Faust den Hals zudrückt, wurde mit Rücksicht auf die Heiligkeit der Schlange abgelehnt. Man rekurrierte schließlich auf eine Hygieia, die allerdings so unklassisch wie möglich des \'aters Schlangenstab führt; trotzdem ein Beweis, daß wir auch im Zeit- alter der Flugmaschine noch von den Göttern Griechenlands ge- leitet werden, wenn wir das Land der reinen Vorstellung betreten.

Die Schlange kam in drei verschiedenen Spezies in den Heilig- tümern vor. »Die Drachen, deren Farbe etwas mehr ins Rötlich- gelbe spielt, gelten für geheiligt und sind zahm gegen die Menschen. Sie kommen nur im epidaurischen Lande vor« (Paus. II, 28). Von den Schlangen, die im Asklepieion in Titane sich betanden, erwähnt derselbe Autor, daß man sich diesen Schlangen aus Scheu nicht zu nähern wagte, sondern man legte ihnen das Futter vor den Eingang (Paus. II, 11). Es ist dann ferner bekannt, daß noch eine sehr große Spezies von Schlangen unter den Ptolemäern aus Äthiopien nach dem Asklepieion von Alexandria verpflanzt seien. Es ist das offenbar die Sorte, von der auch unser Gewährsmann in diesen Dingen, Pau- sanias, im neunten Buch seiner Reisebeschreibung, 21. Kapitel, spricht. Wir wollen den ganzen Passus hier anführen, weil hier die moderne Anpassungsidee im Prinzip eindeutig schon vorgetragen wird.

»Ich glaube, wenn jemand die äußersten Gegenden Libyens oder

DIE SCHLANGE.

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Indiens oder Arabiens bereisen wollte, um Tiere aufzusuchen, die bei den Griechen vorkommen, so würde er einige davon gar nicht finden, bei anderen aber würde er bemerken, daß sie nicht gerade so aus- sehen. Denn nicht allein der Mensch nimmt mit der \'eränderung der Luft und des Landes eine verschiedene Gestalt an, sondern auch alles übrioe dürfte dasselbe erfahren; so z. B. haben unter den Tieren die hbyschen Nattern eine andere Farbe als die ägyptischen, und in Äthiopien nährt das Land schwarze Nattern nicht minder als Men- schen. Darum soll ein jeder mit seiner Meinung weder voreilig sein, noch auch ungläubig bei Dingen, die seltener vorkommen.«

Eis.

Orig.-Au/ti. Bertin, Altes Museum.

Att. Votivrelief des 4. Jahrhunderts. (Zeus Meilichios in Schlangengestalt.)

Der Schlangenstab, d. h. ein von einer Schlange umringelter Stab, erscheint als Wappen der Stadt Kos nachweislich nicht vor dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Als Kopf finden wir sie auf der Stele von Bujukdere'), auf der übrigens erstmals von einem Marinearzt überhaupt die Rede ist.

Die Schlange allein bietet also ohne weiteres noch gar keinen Hinweis auf den Heilgott. Es war demnach eine Entgleisung, gewissermaßen als Motto für ein Buch über den Heilgott einen

') Abbildung s. Haberling, Die römischen :\Iilitärärzte. Veröflentl. aus dem Gebiete des ]\Iilitärsanitäts\v. 19 lo.

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Votivstein mit einer Riesenschlange zu setzen, welcher wahrschein- lich gar keine Beziehungen zum Asklepios hat^). An und für sich gibt dieser A'otivstein dem Archäologen Rätsel aut; wir sehen da auf einer großen Sandale einen bärtigen Mann in Adorantenstellung, darunter die große Schlange. Die Inschrift gibt nur den Namen des Spenders; der Fundort des Pilasters war in der Xähe des Temenos des Heilgottes in Athen. Wir werden noch sehen, daß man den verschiedenen Göttern und auch dem Heilgotte Füße weihte, d. h. nackte oder in Sandalen steckende. Hier aber ist auffälligerweise die Sandale allein in effigie geweiht. Prof. Tsountas hat nun gezeigt, daß man einem be- sonderen Heros in Athen seine Sandalen weihte; dann ist aber wiederum die Frage der Schlange ungelöst. Als Weihgabe wegen glücklicher Pilgerschaft eventuell zum Asklepiosheiligtume kommt die \'erbindung nicht in Frage. Vielleicht ist folgender Gesichtspunkt bei diesem singulären Votiv einer Beachtung wert. In Athen war die Epidaurosschlange heimisch. Das Loch, in welchem sie angeblich ihre Heim- und Brutstätte hatte, wird im Heiligtume noch gezeigt. Sie gehört zu den kleineren Spezies, die abgebildete I^H^H Schlange aber ist, dafür haben wir ja das Vergieichs- IE»^H maß daneben im geringelten Zustand, j'janal so lang wie der Schuh. Zu den zahlreichen H3'pothesen käme also noch die Möglichkeit hinzu, daß der Träger der Sandale durch ihre Hilfe, d. h. schnelle Flucht, einer Schlangengefahr entgangen ist, und daß er deshalb aus Dankbarkeit das Bildnis beider dem Retter weiht. Der Hermesstab hat seiner ganzen Entwicklung nach gar keine Beziehungen zu dem Schlangenstab des Asklepios. Zunächst war er in seiner älteren Darstellung eine Gerte mit oben umgebogenem

Athen, Aat.-Miis.

Fig. 38. Votivstein.

') Aravantinos Asklepiaka bei W. Drugulin. Leipzig 1907. Amelung, Archiv f. Reli- gionswiss. VIII. 1905.

DER HUND. 95

Zwiesel, der deutschen Wünschelrute verwandt. Der geflügelte Schlangenstah entstand erst in späterer Zeit, und ist diese jüngere Form nach Prell er aus mehr dekorativen Rücksichten hervor- gegangen. Der Stab (Kerykeion, Caduceus) war Heroldszeichen und eine Zauberrute, mit der Hermes alles in Gold verwandeln konnte. Auf iViercur Caducifer ist eben nur einer der vielen Cha- raktere des Hermes übergegangen.

DER HUND.

Ein standiges Inventarstück der Heiligtümer des Gottes war der Hund. Die Begründung seiner Verehrung haben wir ja schon in den Sagen gefunden, die die Geburt des Gottes umgeben. Ein Hund fand den auf dem Berge Titthion ausgesetzten Knaben und es scheint, daß auch die nichtepidaurischen Tempel sich heilige Hunde hielten.

Dieses Sinnbild der Wachsamkeit und Treue zu Füßen eines Helfers scheint nun zunächst einer besonderen Erklärung nicht zu bedürfen. Aber solch einfachen Weg geht der Mythus nicht. Wir wissen aus unseren Betrachtungen, daß die Göttlichkeit des Heilers zunächst keine menschlichen Charakterzüge autweist. Im äußersten Gegensatze zu dem Charakter des größeren Gottessohnes ragte der Kopf des Enkels des Zeus hinaus über alles Irdische, Menschliche. Zu eines solchen Olvmpiers Füßen kann der Hund nicht die Be- deutung einer menschenfreundlichen Gesinnung von Treue und Anhänglichkeit haben.

Auf der Suche nach der Wesensart dieses Begleiters des Gottes erinnern wir uns zweier anderer Hunde, die in der griechischen Mvthologie eine größere Rolle spielten, des Ürthros, des Hundes des Gervoneus, und des den Hades bewachenden Kerberos. Nach der altmvthologischen \'orstellung, welche diese Hunde der Unter- welt sich vielköpfig denkt bei Pin dar hatte Kerberos noch hundert, bei Hesiod noch fünfzig Köpfe , liegt die Erklärung nahe, daß das entfernte vulkanische Erdbeben und das

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

unterirdische Tosen dieser Tiere der Unterwelt als das Brüllen eines Hundes aufgefaßt wurde. Der Odem dieser Hunde war feuerspeiend. Bis in die spätere Zeit hinein wurden solche vulkanische Stellen und Grotten, wo aus der Erde flüchtige und flüssige Zeichen unterirdischer Feuerglut an den Tag treten, mit Hundenamen helegt. Ich erinnere nur an die bekannte Grotta del Cane bei Puteoli. Wer einmal den Boden der Soltatara be- treten, der heute noch dieselben Eigenschaften besitzt wie in der antiken Zeit, wo an allen Stellen sprudelnde heiße Sandquellen oder rauchende Gase zum Vorschein kommen, wenn nur der Boden etwas gelockert wird, der wird den A'ergleich eines unter der Erde hausenden Feuerhundes verstehen, um so mehr, wenn gerade unterirdisches Grollen zu hören ist.

So ist auch der Hund des Asklepios kein gewöhnlicher Hirten- hund, sondern das Symbol der feurigen unterirdischen Kratt, die sich in heißer sprudelnder Quelle kundgibt. So waren es auch in erster Linie vulkanische Stellen, bei denen die ersten Kultstätten des Gottes errichtet waren. Über der Hauptkultstätte Epidauros erhob sich der Berg Kvnortion. Andere Hundeberge oder vulkanische Umgebung mit warmen Quellen zeigen sowohl die italischen als auch griechischen und kleinasiatischen Kultstätten. \'ergegenwärtigen wir uns nun noch, daß die Wortauslegung sowohl wie auch die Bedeutung des Gottes die einer Personifikation der Heilkratt der gesunden Natur bedeutet, daß ferner seine Feuergeburt, sein Blitz- tod und seine Beinamen in dieser physikalischen Richtung liegen, daß sein Grab in dem allerdings problematischen »Kynosura«, das Panofka nach Arkadien verlegt, gezeigt wurde, ziehen wir viel- leicht noch die orientalisch-semitische Auslegung hinzu, welche in dem Namen des Hundes (Kelep = IIund und Esch = Feuer, Eschkelep = Feuerhund) die Hieroglyphe für den (Jott selbst sieht, so ist der Ring genügend geschlossen, um in dem Hunde das Symbol seiner primären und bedeutendsten Heilpotenz der warmen Mineral- quelle zu finden. Dieser »Hundemarke« sollte irgendein modernes Heilwasser neue Popularität geben.

DER HUND.

97

Bezeichnend ist auch die Sarapisstatue aus dem Serapeum unter- halb der Solfatara. Zur Seite des Gottes, der den Kahithos auf dem

Xfafiei, Nat.-Museuiit.

Fig- 39- Sarapis, antik. Marmor aus dem Serapeum von Puteoli.

Kopfe trägt, steht der Kerberos mit der umwundenen Schhtnge

(s. Fig. 39).

Die zwei Hunde des Königs Yama, Urahns der Menschheit, be- wachen in den indischen \'eden den Pfad zum Paradiese, wo dieser Herrscher wohnt; auf einer spartanischen Statuette l^auert neben

Holländer, PListik und Medizin. '

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

dem Untcrwcltsgott, hier »Zeus« benannt, ein Hundepaar, das dem indischen in jeder Hinsicht entspricht, so daß wir nicht fehlgehen, wenn wir die zugrunde hegende Ghiubensvorstellung als indo- germanisches Gemeingut ansprechen ').

Es findet sich im Athenischen Nationalmuseum, aus der Pan- grotte des Parnes stammend, eine Relietplatte mit dem wunder-

Orig.-Phoi , Athen, Nat.- Museum.

Fig. 40. Acheloos?

Reliefplatte aus der Parnesgrotte.

schönen Kopte eines bärtigen Mannes, dessen Züge dem Ideale des melischen Heilgottes ähneln (Fig. 40). Quellnvmphen scheinen ihn zu umtanzen, doch hat dieser Gott ausgesprochene Tierohren. Archäologischerseits hat man diesen Kopf als den eines Fluß- oder Qiiellgottes (Acheloos) angesprochen. Die mythischen und mytho- logischen Beziehungen des Hundes zur warmen Quelle scheinen

Vgl. Loeschcke, Aus der Unterwelt (Dorpater Programm).

DIE ZIEGE. DER HAHN. 99

mir nach dieser Untersuchung auch diese auffallende Kombination der Form innerlich zu motivieren').

DIE ZIEGE.

Die Vorstellung, daß eine Ziege die x'Vmme des Kindes war, be- gründet die Heiligkeit dieses Tieres. Ausdrücklich verboten waren die Ziegenopfer, wenigstens in Epidauros. Von diesem allgemeinen Verbot des Ziegenopfers machten aber einige Stätten eine Aus- nahme; so erwähnt Pausanias, daß die Kyrenäer Ziegen opferten. Eine absurde Erklärung hierfür bringt Serv. ad Virg. Georg. 11, 380: Item capra immolatur Aesculapio, qui est deus salutis: cum capra nunquam sine febre sit. Kaum eine größere monumentale Dar- stellung des Gottes mit einer Ziege hat uns die Antike geschenkt, häufiger daseien sehen wir auf Münzen den Hirten Aresthanas, wie er den von der Ziege gesäugten Gott auftindet. (Siehe Abbildg. Panofka, Tafel I, i und 2 und Fig. 2.)

DER HAHN.

Es ist eine auffallende Tatsache, daß die beiden dem Gotte in erster Linie geheiligten Tiere, Hund und Ziege, die Renaissance- kunst und auch die Moderne, trotz ihres Hungers nach Allegorien und Emblemen, ganz vergessen zu haben scheint. Statt dessen ist ein anderes Tier zu dieser führenden Stelle gekommen, welche es im Altertum nicht in dem Maße besessen hat. Diese Popularität verdankt wohl der Hahn dem berühmten Worte, das em sterbender Großer als letzte Äußerung seines Ingenium von sich gegeben. Als das Schierlingsgift schon eine Erstarrung des sterbenden Sokrates herbeigeführt hatte, da enthüllte er sich noch einmal und sagte zu seinen Freunden (s. Piatons Phaedon): »O, Kriton, wir sind dem Asklepiüs einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den und versäumt

1) Der Flufwott Krimisos erscheint nachvveislicii in Hundegestalt (Virg. Aen. I. 55°); vgl. auch die Beziehung des Sternbildes Sirius (Canicula) mit der schwülen Sommerzeit (29. August bis 29. September).

lOO

DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

Orig.-Aufn.

Fig. 41. Terrakottahahn.

es ja nicht.« Nun ist gerade das Asklepieion von Athen am Süd- abhange der Burg genauer studiert wie irgend ein anderes, und man hat die Inschriften vieler Inventare des HeiHgtums gefunden; an keiner Stelle wird weder unter den Opfertieren, noch unter

den Weihgaben ein Hahn erwähnt, nur einzelne Terra- küttahähne fand man auch hier wie an vielen anderen Stellen (s. Fig. 41). Sieht man von einem Karneol, der eine Herme eines fraglichen Asklepios zwischen einem großen Hahn und einer Krähe zeigt, und dem Frag- ment eines 1876 in Athen gefundenen \'otivsteins mit einem Hahn auf dem Giebeldach ab, so bleibt nur die große Statue aus dem Heiligtume der Juthurna im Forum Romanum, über die wir noch eingehender sprechen müssen, die einen Hahn in Be- ziehung bringt zum Heilgott. In literarischer Hinsicht sichert aller- dings den Hahn als Optertier von Kos der vierte Mimiambus des Herondas \', 12 (s. S. 42 ff.). ,-> Ferner wird berichtet (Allan, bist. anim. 10, 17),

* ; daß im athenischen Asklepieion heilige Hähne

\^. gehalten wurden; aber auffallend ist es, daß auf

keinem einzigen Weihrelief ein Hahn als Opfer- tier vorkommt, in entiernter Beziehung hierzu steht noch die Abbildung eines großen Hahnes aut den Silhermünzen der durch heiße Quellen berühmten Stadt Himera auf Sizilien (s. Fig. 42).

Über den Hahn als Optertier überhaupt ist noch die Stelle er- wähnenswert aus Pausanias II, 34, 2: »Worüber ich mich in Methana hauptsächlich gewundert habe, das will ich berichten. Wenn der Südwind über den Saronischen Busen her, über die ausschlagenden

Fig. 42. Silbermünze der sizilischen Bäder- stadt Himera.

DER HAHN.

lOI

Weinstöcke fällt, verdorren die jungen Triebe, ^^'eht nun dieser Wind, so zerreißen zwei Männer einen Hahn, der durchaus weiße Federn hat, laufen in entgegengesetzter Richtung um die Weingärten, ein jeder von beiden mit der Hälfte des Hahnes. Diese vergraben sie da, wenn sie wieder an dem Punkte zu- sammentreffen, von wo sie ausgegan- gen waren. Dieses Mittel haben sie segen den Südwestwind erfunden.« Im übrigen aber wissen wir noch, daß der Hahn gelegentlich dem Helios, dem Hermes, der Köre und den Heroen ge- opfert wurde. Dafür spricht auch eine Stelle Plutarchs aus seiner Schrift: »Warum Pvthia nicht mehr in \'ersen antwortet.« »So wie jener Künstler, der dem Apollo einen Hahn auf die Hand setzte, dadurch die Morgenzeit und den ersten x\ufgang der Sonne andeuten wollte«. Einer mündlichen Mitteilung zufolge forderte die Gra- bung durch Kastriotis im Heiligtum des Gottes in Trikka einen großen Hahn. Dies Tier war übrigens das Wappen

der Stadt Phokaea, die Massalia (Marseille, gallischer Hahn) gründete. Immerhin verdient des Sokrates Ausspruch eine besondere Würdigung und dies um so mehr, wenn wir wissen, daß der Hahn nur gelegentlich das bescheidenste Opfertier für Asklepios war. Die Annahme erscheint mir ungezwungen und die einzige Folgerung des wahrhaft und wirklich unsterblichen Gespräches dieses Mannes über die sogenannte Unsterblichkeit der Seele, die uns Piaton in so grandioser Form überUefert hat, daß der Weise in dem Hahne das Emblem des neuen Lebens, die Verkündigung des jungen neuen Tages nach dem Dunkel der Todesnacht gesehen hat. Wenn dem- nach spätere Künstler dem Heilgott einen Hahn zugesellten, oder

Fig. 43. Nach einer Zeichnung von D. Chodowiecki.

I02 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

seine Art durch einen womöglicli nocl: krähenden Hahn versinn- bildhchen wollten, so begingen sie zwar eine geringere Geschmack- losigkeit, aber dieselbe tragikomische Taktlosigkeit wie diejenigen, welche die Personifikation der Heilkunde durch einen Totenschädel ausdrückten; oder wollten beide durch diesen Architektenscherz zum Ausdruck bringen, daß die Heilkunde nur den Weg in den Himmel oder zur Erde beschleunige? (s. Fig. 43).

Die gewöhnlichen, dem Gott geopferten Tiere, urkundlich und kunstmvthologisch vielfach als solche bezeugt, waren Stier, Schwein, Widder und Schat, deren Terrakottabilder zu den gewöhnlichsten Funden gehören; man versprach ein Schwein zu opfern und schenkte es dann aus gebrannter Erde.

Zu diesen Attributen des Gottes, deren statuarische ^'erwendung im Belieben des darstellenden Künstlers stand, kamen namentlich in der späteren Zeit noch Gegenstände wie Bücherrolle und Talel, die die ärztliche Wissenschaft bezeichnen sollen, mit der der Heilgott zunächst so gut wie gar nichts zu tun hat. Finden wir aber eine derartige Darstellung, bei welcher der Gott eine Schriftrolle in der Hand hat, so möchte ich auf keinen Fall dies als gewollten Ausdruck wissenschaftlicher Gelehrtheit anerkennen, denn der Heilgott war nicht gelehrt, sondern gottbegnadet. Hält er eine Rolle, so hat er sie soeben den Händen eines Hilfe suchenden Adoranten entnommen und entspricht nicht dem in das Studium vertieften Imhotep.

Rückblickend fragen wir uns nun, was bleibt als köstlicher Besitz der Menschheit von jener Gottgestaltung griechischer Künstler; was aus einer Kunstepoche, deren Schönheitsideal noch heute die Welt beherrscht und erfüllt? Den statuarischen Habitus des mit seinem Schlangenstabe dahinschreitenden oder sich leicht auf- stützenden Gottes geben wir gerne preis. Er langweilt auf die Dauer durch das Einerlei der Auffassung und verliert allzuleicht seine Größe in schwächerer Ausführung; die in Einfachheit ge- borenen Attribute des Gottes besitzen nicht den Reiz geistreicher Komposition, und andere Völker schufen ähnliche gleichwertige

DIE VOTIVRELIEFS. IO3

mythologische Vorstellungen; nichts bleibt als des Gottes Antlitz, und das ist übergenug. Das männlich schöne Haupt, in dessen Zügen alle liigenschaften sich widerspiegeln, die von Anbeginn jeweilig das Mienenspiel eines Götterarztes prägten; je nachdem Mito-efühl und milde Schwermut erkenntnisvoll die schönen Augen des Arztsehers umflorten, Freude oder Frohsinn über hoffentlichen Erfolg und günstige Wendung sein Herz erfüllten. Und blickt nur hinein in die Züge des melischen Gottes, auch das souveräne Lächeln zuckt um den halbgeöffneten Mund, nnlde, schonende Ironie des überlegenen Philosophen über die Schwäche des Men- schengeschlechtes. Alles das findet man in dieses Mannes Antlitz, ein seltenes Gemisch sich in stetem Wechselspiel begegnender Empfindungen; solche drängen gerade im ärztlichen Beruf sich der- artig zusammen, daß ein Widerschein dieser Kontraste im Faule der Jahre der meisten wirklichen Ärzte Blick und Ausdruck ver- edelt, vergöttlicht. Und wem ein Wiederscheinen solcher Heilands- gefühle auf starrer Maske versagt ist, der war nie ein Großer unter den Ärzten; unter den Gelehrten vielleicht ein Heros, unter Heilern und Ärzten aber kein Gesegneter.

DIE VOTIVRELIEFS UND ANDERE ÄNAGLYPHE DARSTELLUNGEN DER ASKLEPIEIEN.

Unsere Erhebungen und Feststellungen bei den statuarischen Asklepiosbildern übertragen sich meist ungezwungen auf die Flächen- plastiken. Sind jene monumentale Begriffsverwirklichungen der göttlichen Person, so bringen diese das Abbild seiner Tätigkeit und seiner Verehrung. Am vollendetsten sind die künstlerischen Leistuno-en bei denen dieser Kontrast scharf zum Ausdruck kommt; wir werden in der Mehrzahl Bildwerke kennen lernen, bei denen inmitten einer religiösen Zeremonie nicht ein werktätiger beweg- licher Gott, sondern der Denkmalsgott in seiner marmornen Pose steht. Der Künstler, oft nur ein Handwerker und kopierender Stein- metz, variierte aber die vorgeschriebene Note ein wenig; er war nur

104 °^^ HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

an bestimmte Überlieferungen gehalten. Wenn so eigentlich nur Paraphrasen desselben Themas vorkommen, so ist doch in manchen Punkten die Deutung dieser Darstellungen schwierig und nur un- befriedigend. Die traurige Tatsache, daß last keines der athenischen Votivreliefs intakt blieb, ist ja vom künstlerischen Standpunkt be- dauernswert ; aber die Fülle der \'arianten läßt doch meist das Bild der gewollten Darstellung restlos erkennen. Stais, Köhler, V. Duhn, Schöne, Ziehen, Svoronos und andere haben sich Verdienste erworben um die Autlösung der archäologischen Rätsel, die diese Steinvierecke nach Zeit und Inhalt aufgeben. Es lassen sich aus den nach vielen Hunderten zählenden \'otivdenkmälern im wesentlichen drei Gruppen herausschälen mit gleichlautendem Inhalt und gleichem Zweck; die Unterschiede ergeben nur die zeit- lichen und künstlerischen Werte. Unsere besondere Aufgabe ge- staltet sich wesentlich einfacher; der mediko-historische Standpunkt vereint und sammelt mehr, als er trennt. Die erste und Haupt- gruppe vereinigt alle reinen Wnivsteine, d. h. Bitt- und Dank- zeremonien \- o r dem Gott u n d seiner F a m i 1 i e. Die zweite kleine Gruppe umfaßt den sogenannten Krankenbesuch, dessen archäologische Bezeichnung ebensowenig befriedigt wie die der dritten Gruppe, des sogenannten Totenmahls.

VOTIVSTEINE MIT DER DARSTELLUNG DER OPFERSZENE.

Von allen \'otivsteinen überhaupt ist diese bildliche Darstellung des Opfers die gewöhnlichste. Neben den Grab- und Urkunden- reliefs spielen diese Anatheme eine bevorzugte Rolle. Die Antiquarien zeigen uns viele Beispiele von Weihreliefs an die verschiedenen Götter und Göttinnen. Der gemeinschaftliche Inhalt aller dieser Weih- geschenke ist der, daß dem verehrten Gotte gegenüber die Familie des Stifters dargestellt wird. Die Ehrfurcht vor den Göttern ver- langte dabei, daß die Donatoren in auffallender Kleinheit gebildet wurden: Im Gegensatz zu den Kunstwerken der Renaissance, aut denen sich die Stifter von Kirchenhildern in ganzer Größe im

DIE VOTIVRELIEFS.

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j06 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Vordergrund knieend breit machen. Es macht gelegenthch dabei Schwierigkeiten, festzustellen, welchem Gott die Steine gelten sollen. Uns hilft nicht nur der charakteristische Habitus unseres Gottes, son- dern auch der bezeichnende Fundort aus irgendeinem Asklepieion. Oftmals aber sind wir völlig im unklaren über die göttlichen Begleit- personen des Asklepios. Namentlich die meist ganz nackt dargestellten erwachsenen Söhne lassen jede individuelle Persönlichkeit vermissen. Wir werden dagegen später erkennen, daß die weiblichen Personen, die des Heilgottes Thron umgeben, leichter auseinanderzuhalten sind.

Als schönes Beispiel dieser Gruppe wählen wir zunächst das als Ganzes ziemlich erhaltene, uns auch im Gipsabguß vorliegende Relief aus Patras (s. Fig. 44).

Wir sehen hier in einen von einfachen Säulen umgebenen Tempel hinein. Seitenpfeiler, Epistyl mit Architrav und Dach- bekrönung umgeben die Szene, in deren Mitte die \'orderkante eines einfach gehaltenen Altars hineinragt. Aut der einen Seite stehen die Gottheiten, auf der anderen Seite die Adoranten. In der äußersten Ecke in typischer Stellung mit linkem Standbein, die Rückenfläche der linken Hand in die Seite gestemmt, posiert der Denkmalsgott in seiner ruhenden und doch bewegten Haltung. Weitaus der Größte, berührt er mit dem Haupt des Tempels Decke; als wenn ihn die ganze Szene nichts anginge, steht er da, sein Antlitz von den kleinen Menschlein abwendend. Dasselbe gilt von seinen drei Begleitern, die dadurch mehr als statuarische Werke, als personifizierte Götter gedacht sind. Ihm zunächst steht eine Göttin im Unter- und Oberkleid, das Gesicht, soweit dies die Zerstörung erkennen läßt, zum Teil verschleiert; nicht der Anblick einer blühenden Jungfrau, in welcher Form Hygieia meistens verkörpert wird, sondern eher als würdige x\4atrone. Es ist Epione, seine Gattin. Die beiden nackten Jünglinge, die dem Altar genähert sind, müssen demgemäß die Söhne Machaon und Podaleirios sein. In der Zusammensetzung der den Heilgott umgebenden Gestalten herrscht, wie wir sehen werden, eine größere Abwechslung, je nach lokaler Sitte, wie in der gegenüberstehenden Adorantengruppe. A'on

DIE VOTIVRELIEFS.

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den aut diesem Steinbilde sichtbaren sieben Personen legt der Fa- milienvater gerade einen Gegenstand auf den Altar. Gelegentlich sieht man auch, daß ein Adorant nur eine Ecke dieses als Ausdruck eines Gelübdes berührt'). Zu seinen Füßen drängt sich das Opfer- schwein vor, dessen führender Sklave auf dem Relief (Fig. 44)

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Fhot. Aliiiari.

Fig. 45. Adorantengruppe aus dem Athener Asklepieion.

nicht sichtbar ist. Es folgt die Ehegattin mit erhobener Hand und die Kinder. Zuletzt die Dienerin, die aut dem Kopfe einen großen Kasten trägt. Diese runde, oft mit einem Tuche bedeckte Kiste, kehrt sehr häufig als Abschluß der \\)tivsteine wieder. In ihr

') Otto Weinreich, Antike Heilungswunder. Rehgionsgeschichtl, Vers. VIII. Gießen 1910, Seite 63.

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

befanden sich allerlei Opfergegenstände; meist werden es leichte Dinge, wie Backwaren, Opferkuchen, Früchte, gewesen sein, die dieser Kasten barg. Daß aber auch gelegentlich schwerere A\^eih-

gaben den Kasten füllten , das geht aus dem Bruchstück hervor, welches eine schön erhaltene Gruppe (Athenisches Xationalmuseum 1429) verewigt (big. 43). Bemerkenswert ist es, daß hier ein Mann die Kiste trägt, und daß er zum Schutze ein Tragkissen

DIE VOTIVRELIEFS.

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untergelegt hat. Auch hier legt der Führer der Gesellschaft einen Gegenstand aut den Altar. Es scheint dabei sehr fraglich, ob es sich hier um ein Familienopfer gehandelt hat, denn es ist auffallend, daß die hinter dem Familienvater stehende Frau größer ist als dieser, und daß die drei tolgenden Ehepaare einen Stier als außer- ordentliche Optergabe bringen. Das störrische Tier selbst wird von einem Sklaven dadurch dem Altare genähert, daß er es an den Nasenlöchern testhält. Leider ging die Gruppe der Gottheiten ver- loren. Ein Teil dieser erhielt sich auf dem folgenden \'otivstein, der aus dem athenischen Asklepieion stammt und wahrscheinlich noch eine Arbeit des 3. Jahrhunderts ist (s. Fig. 46).

Die Gruppe der Adoranten zeigt hier eine besonders geschlossene Anordnung dadurch, daß die Männer sich gegenseitig die Hände auf den Rücken legen.

\\:)n den vielen Wiederholungen desselben Gegenstandes aus dem Athenischen Nationalmuseum bringen wir noch die Abbildung des schönen Reliefs aus dem Beginn des 4. Jahrhunderts. Hier steht in etwas freierer Bildung der Gott vor dem Altar, auf welchem eben noch die Opfergabe sichtbar wird (s. Fig. 47).

Die Haltung des übrigens barfüßig dastehenden Asklepios läßt hier noch ein geneigtes Entgegenkommen tür die Adoranten er- kennen. Dahinter stehen, oftenbar in Anlehnung an die Vorbilder der attischen Jungfrauen vom Parthenont'ries gearbeitet, zwei seiner Töchter, vielleicht Jaso und Panakeia, wenn man auch bei der letz- teren wegen ihrer autgelösten herab wallen den Haare, vielleicht an die Köre denken kann. In ähnlicher Stellung zeigt sich der Gott auf dem ältesten Relief, welches im atlienischen Asklepieion gefunden wurde (s. Fig. 48). In seiner flachen Austührung und durch fehlende Umrahmung erinnert diese Arbeit noch an archaische \'erhältnisse. Hier nähert sich der Bitttiehende mit erhobener Hand dem Gotte selbst; der trennende Altar existiert noch nicht auf dem Anaglyph.

Bisher sahen wir auf diesen Anathemen den Gott in seiner typischen Denkmalstellung stehend oder dahinschreitend. Noch be- liebter und vom künstlerischen Standpunkte aus ein willkommener

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Vorwurf war eine Wiederholung oder wenigstens docli eine An- lelinung an den thronenden epidaurischen Gott. Bei dieser sitzenden Stellung gruppieren sich seine mitverehrten Familien- mitglieder besser zu einer plastischen Einheit. Der Kontrast zwischen

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/^Aat. Aiinari, Athen ^ Nat.-Muscum.

Fig. 47. Weihrelicf an Asklepios.

der Größe der Göttergruppe und der Kleinheit der sich nahenden Adoranten, welcher auf den bisher beschriebenen Reliefs unheilvoll eine Teilung des Steines herbeifiihrte, laßt sich hier in einer schö-

neren Linie zum Ausdruck bringen.

DIE VOTIVRELIEFS. III

Die Haltung des sitzenden Gottes ist eine wechselnde; der Künstler nahm sich dabei allerlei Freiheiten heraus. So hält einmal der Gott einen Stab in der Iland, ein andermal sitzt er da in der Thrasymedes'schen Pose oder auch mit der schönen Geste, die das Relief aus Epidauros zeigt. Unter seinem Sitz ringelt sich meist die heilige Schlange. Der Sitz ist oft ein Thron mit Lehne, manch- mal auch nur ein Sessel. Über diesen beugt sich mit Vorliebe seine jugendlich schöne Tochter, die Hygieia, oder sie lehnt sich auch an ihn selbst an. Ein anderes Mal wieder stiitzt sie sich an einen Baumstamm, der dann die Mitte des Ganzen einnimmt. \'or dem Gc)tt steht der Altar, dem Adoranten mit den üblichen Opter- tieren, Schwein, Rind oder Schal, sich nähern. Als Beispiel dieser in mehr oder weniger verstümmelten Exemplaren zahlreich vorhan- denen Weihreliefs mögen die Trümmer eines 1876 in Athen ge- fundenen Stückes aus pentelischem Marmor gelten (s. Fig. 49).

Auf ihm sieht man einen jungen Hierodulen, wie er vor einem Adoranten ein Opferschwein einem eben noch angedeuteten Altar zuführt. Hvgieia lehnt sich, zur Seite des \'aters stehend, mit dem rechten Arme an, der Gott sitzt recht bequem auf einem Thron- sessel. Die etwas klobig geratene Hygieia trägt einen gegürteten Chiton mit Achselbändern.

Aus der Zahl dieser nach bestimmten Schemen gearbeiteten Votivsteine fallen natürlich manche heraus mit Besonderheiten. So das Weihrelief sorgfältiger Arbeit aus der ersten, nach tran- zösischer Meinung zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, welches Gegenstand mehrfacher archäologischer Untersuchungen geworden ist (Köhler, Paul Girard, Svoronos) (Fig. 50). Auf diesem Relief mit Tempeleinfassung finden wir den Gott in der Mitte stehend, auf seinen (verloren gegangenen) Schlangenstab gestützt; hinter ihm eine sitzende und eine stehende weibliche Figur. Die sitzende ist Demeter (Ceres), die dahinter stehende Kore-Tersephone mit ihrer brennenden Doppelfackel und den wallenden Mädchen- haaren. In dieser Weise hnden wir die eleusinischen Gottheiten häufig dargestellt. Trotz der Fraktur in der Mitte ist der Stein gut

112

DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

erhalten. Die sechs sich nähernden Männer, die eine geschlossene Gruppe bilden, bringen keine Opfergaben, sondern erscheinen in devoter oder versprechender Stellung vor dem göttlichen Dreigestirn. Fernerhin ist auffallend, daß die breite Basis von fünf Lorbeerkränzen

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Orig.-Aitfn. AHtett, Xat -Miiseiun.

Fig. 48. Votivreliet an Asklepios.

eingenommen wird, in deren Innern Xamen aus der Zeit ein- gegraben sind. Köhler und Girard haben nun die Ansicht aus- gesprochen, daß dieser Denkstein von den öffentlich bekränzten \'er- anstaltern eines besonders gelungenen Festes der »Epidauria« her- stamme. Hierzu sei bemerkt, daß von den drei Asklepiosfesten in Athen das im August-September zu des Gottes Ehren gefeierte

DIE VOTIVRELIEFS.

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das bedeutendste war. Eine alte Überlieferung meldet, daß der Gott von Epidauros, als gerade die Athener in Eleusis die Myste- rien der Demeter und der Köre feierten, abends zur Teilnahme am

J'fiot. ^iiinari.

Fig. 49. Weihrelief an Asklepios und Hygieia.

Aus dem Athen. Heiligtum.

Feste erschienen sei, und daß erst seit jener Zeit die Athener den Asklepiosdienst bei sich eingeführt hätten.

Svoronos dagegen ist der Ansicht, daß hier eine Gruppe be- rühmter, historisch sogar namentlich bekannter athenischer Ärzte aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts den attischen Heil-

Holländer, Plastik und Medizin. "

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

göttern zum Gebete nahen. Aus einem uns unbekannt gebliebenen besonderen Grunde wurden diese öffentlichen Stadtärzte von Athen,

deren Namen angeiührt werden, mit Kränzen beschenkt. Dieser gewissermaßen öffentliche Asklepioskult wird uns sogar durch eine

DIE VOTIVRELIEFS. I I j

am Südabhang der Burg gefundene Inschrift näher gebracht. Es war nach ihr in Athen eine hergebrachte Sitte der Ärzte, »dem Asklepios und der Hygieia zweimal im Jahre zu opfern tür sich selbst und die von ihnen geheilten Patienten«.

Wenn nun aus diesem Grunde eine Darstellung von Ärzten, deren Namen uns überkommen ist, in mediko-historischer Beziehung für uns von doppeltem Interesse wäre, so scheint es mir als zweifelloses Ergebnis dieser archäologischen Untersuchung, daß dem Heilgotte neben privaten Weihegaben dankbarer Bürger auch öffent- liche Gaben von Behörden und Genossenschaften und eventuell von Ärztekollegien gespendet wurden.

Einzig ist die Anordnung einer Reliefplatte in Verbindung mit einem Tempel (s. Fig. ^i), die den Athener Museumssaal schmückt, nachdem man das antike Kunstwerk restauriert hat. Im Hinter- grunde steht der Heilgott auf der Abbildung durch die ergänzte Säule verdeckt. Man sieht die Schlange, die, am Stabe sich aul- rincrelnd dem Gotte die Hand leckt. Neben ihm steht seine Tochter, mit der Linken ihr Gewand an der Schulter ordnend, die Rechte aut den Vater gestützt. Vor beiden sitzt auf einem Sessel eine Frau, die dadurch charakterisiert wird, daß unter ihrem Sitz der ihr heilige Vogel, die Gans, sich erhalten hat; es ist Epione, die Gattin. Ihnen nahen sich vier Paar Eheleute mit ihren Kindern; als Ab- schluß wieder die Dienerin mit der Opferkiste. Bemerkt sei noch, daß die freistehende hintere und Seitenfläche bemalt und bearbeitet ist. Das Relief läuft hier in eine Herme des bärtigen Dionys mit dem Phallus aus; die Seitenfläche zeigt die eleusini- schen Göttinnen Demeter und Köre. (Arbeit des 4. Jahrhunderts.) Wir sahen, wie sich des Heilgottes Persönlichkeit allmählich, namentlich künstlerisch gesprochen, als die verkleinerte Ausgabe von Allvater Zeus herausstellte; wir werden ferner aber auch sehen, daß in den nachchristlichen Jahrhunderten, als die olympischen Be- wohner in ihrer Existenz bedroht wurden, durch eine neue Gi- gantomachie des Geistes, Asklepios Soter den Anlauf nahm, auf seine Person alles, was von hellenischem Götterghuiben den Menschen

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DIE HEILGOTTER DES ALTER TUMS

DIE VOTIVRELIEFS.

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gebliehen war, zu vereinigen. Diese Entwicklungskurve hat in ihrer Höhe und in ihren Niederungen künstlerische Reminiszenzen hinterlassen. Eine offenbare Verschmelzung des Kultus von Zeus und Asklepios linden wir schon früh in dem Zeus Meilichios, welcher dara:estellt wird unter dem Bilde einer riesengroßen Schlange. Das Berliner Museum besitzt ^

allein drei derartige Votiv- -■< reliets an diesen Gott. Aul dem einen, welches gleich- zeitig mit dem von uns ab- gebildeten am Haien Zea ge- funden wurde, sehen wir eine Riesenschlange in vielfachen Windungen aut felsigem Bo- den sich fortbewegend. Auf dem oberen Rande steht die \\'idmung: »Dil meilichio«. Unsere Abbildung zeigt ein zweites Relief von flüchtiger Arbeit aus dem 4. Jahr- hundert. Der sich hoch auf- bäumenden Schlange nahen sich in anbetender Stellung eine verschleierte Frau und zwei Männer (s. Fig. 32). Das dritte Relief, welches aus Böotien stammt (s. Fig. 37), wird in der Beschreibung der antiken Skulpturen als \'otivrelief für Asklepios aufgefaßt; auf ihm sehen wir eine Schlange, welche aus ihrem Felsennest heraus sich dem nahenden Mann entgegenstreckt, um, wie es scheint, von ihm eine Opfergabe, vielleicht einen Honigkuchen, zu erhalten. Auch hier handelt es sich wohl um ein Opfer an Zeus Meilichi(.)s. ^^'ahrscheinlich rührt der Beiname her von dem besänftigenden

Orig.-Au/n. Berlin, Museitn

Fig. 52. Votivstein an Zeus Meilichios,

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DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

Honigopfer, welches Göttern gespendet wurde, um sie zu ver- söhnen. Außer Zeus und Dionysos opferte man den Erdmächten, also auch den Schlangen, Honig. Es ist uns bekannt, daß diesem Zeus Meilichios eine Reihe von Kultstätten geweiht waren, unter anderen auch in Piräus. Von hier stammt nun das schöne Votiv-

Orig.-Ati/n. Athen, Nat.- Museum Xr. I^oy.

Fig. 53. Votivrelief an Zeus ]\Ieilichios aus dem Piräus.

relief aus dem Athenischen Xationalmuseum (Fig. -^^^'). Melleicht wegen dieser Herkunft, vielleicht auch wegen der Riesenschlange, ist es als Opferstein an Zeus Meilichios bezeichnet; der Gott aber, der das Opfer eines Widders gnädig entgegennimmt, steht da auf dem linken Standbein, rechts auf den Stab gestützt, genau in der typischen attischen Pose. Wir werden also besser tun, auch dieses Relief als ein Opfer an unseren Heilheros aufzufassen.

DIE VOTIVRELIEFS. I 1 9

DER SOGENANNTE KRANKENBESUCH DES ASKLEPIOS.

In der Flächcnlamst der Asklcpieicn') befindet sich eine Anzalil allerdings leider nur als Bruchstücke erhaltener Rclietplatten, aut denen Asklepios abweichend, d. h. passiv handelnd, heilend, oder doch eine Behandlung durch einen Heilgehilfen (Zakoren) patroni- sierend dargestellt wird. Es ist zu erwarten und zu hoflen , daß weitere Grabungen, wie sie in neuester Zeit wieder beschlossen sind, uns auch über diese Form vollkommeneres Material bringen werden. So kann ich nur auf die interessante Arbeit von Julius Ziehen") und auf die letzten Publikationen von Svoronos (Athen. National- museum) verweisen. Es steht Asklepios in typischer Stellung neben einer Kline. Der Kopf des Kranken wird sichtbar, ein kleinerer bärtiger Mann mit nacktem Oberkörper betastet mit beiden Händen den Kopf (Svoronos vermutet eine Trepanation) (Fig. 36). Bruchstücke ähnlicher Art werden mehrere beschrieben und ab- gebildet. Die Kleinheit dieses Mannes gegenüber dem Gotte schließt eine Deutung auf einen der Asklepiossöhne aus. Wir sehen nur das Hantieren eines seiner sterblichen Heilgehilfen. Interessanter ist das allerdings stark an der Oberfläche abgestoßene Relief, das im Hofe eines Privathauses in Piräus eingemauert ist. Der bartuße Heilgott ist an das häusliche Lager eines Kranken getreten. Auf zv/ei Kissen ruht der Patient, scheinbar auf der linken Körperseite. Um ihn sind zwei Personen, mit Wahrscheinlichkeit Frauen, be- schäftigt. Am Boden steht eine Schüssel. Diese Krankenpflege geht offenbar unter der günstigen Protektion des die Mitte des Steines ausfüllenden Gottes vor sicli; auf der linken Seite stehen zum Gotte Hebende Verwandte oder Freunde, im Vordergrunde drängt sich wieder das zu opfernde Schwein, von einem Knaben geführt, vor. Wieso haben sich nun unter der großen Anzahl von diesen Votivreliefs nur ausnahmsweise einige weniger beschädigte vor- gefunden? Schon die Tatsache, daß fast immer dasjenige Stück,

') F. V. Duhn, Archäologische Zeitung 1878.

^1 Julius Ziehen, Athenische Abteilung der Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Institutes 1892, S. 229 ff.

I20

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

dem wir das größte Interesse entgegenbringen, der Kopf des As- klepios, abgeschlagen ist, und daß auch die Häupter der Adoranten

Orig.-Aufn. Athen, Xat-. Museum.

Fig. 54. Bruchstück einer Votivplatte an Aslclepios.

und der Göttinnen nicht verschont gebheben sind, spricht für eine zielbewußte Demolierung. In der Tat finden sich an den Votiv- reliets Beweisstücke dafür, daß der Kampf des Christentums gegen

DIE VOTIVRELIEFS.

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hellenische Götter zu diesen nach heutigem Sinne barbarischen Maßregeln greiten ließ. Durch Überstreichen mit roten Kreuzen sinci nämlich mehrfach solch heidnische Reliefs unschädlich gemacht. Dann drehte man sie um und benutzte sie nach alter beliebter Sitte als Bausteine für christliche Kirchen. Auf diese Weise hat

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U'u'i, Xa! Museum,

F'o- 55- Votivrelief. Asklepius Krankenbesuch.

der \'andalismus Kulturdenkmäler einer Kunstepoche vernichtet, mit deren Erlös man heutzutage alle Missionen der christlichen Welt unterhalten könnte. Dies ist auch der Grund, daß der Ausgrabungs- ort topographisch nicht als Beweismaterial verwertbar ist. Wo sie aber im Altertum aufgestellt waren, das zeigen noch die Bettungen an den antiken Mauerresten.

Unsere Aufnahmen der Bruchstücke aus dem Heilbezirke am

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Südabhang der Athenischen Burg sind trotz ihrer Unvollständig- keit von Interesse; dokumentieren sie doch den Gegensatz zu den viel häufigeren reinen Opferszenen.

Orig.-Aujn. Athen, Sat.-Musctim.

l''&- 56- Bruchstück einer Reliefplatte mit Operationsdarstellung aus dem Athen. Asklepieion.

Die Abbildung (s. Fig. 34) zeigt uns nur eine Hand mit einem Gefäß, welches von einer weiblichen Person empfangen wird. Diese Hand ist die rechte des Asklepios, der durch den Schlangen-

DIE VOTIVRELIEFS.

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st;ib charakterisiert wird. Die weibliche Person ist durch ihre Kleinheit als bittflehende Klientin gekennzeichnet, die vom Gott einen Heiltrank oder ähnliches erhält.

Fig. )') ist leider wesentlich zerstört; wir erkennen nur den zu einem Kranken getührten Gott; der Patient liegt auf einem Lager halb aufgerichtet; vor ihm sitzt die Gattin.

Das letzte der Bruchstücke, welches wir im Bilde bringen (Fig. )6) und bereits erwähnten, zeigt den nächsten Akt. Der Zakore, der auf dem vorigen Relief den Gott geführt, scheint hier bei der Arbeit. Der Patient liegt seitwärts; der Heilgehilfe bear- beitet ihn mit einem mit der rechten Hand geführten Instrumente am Schädel. Der Denkmalsgott steht daneben; unwillkürlich denkt man an die gefährlichen Operationen der alten Schnitt- und Wundärzte, die manche Operationen ausdrücklich nur »mit Gottes Hilfe« ausführten.

DAS TOTENMAHL.

Wir halten uns verpflichtet, wenigstens an dieser Stelle einen Hinweis zu geben auf die von dem Franzosen Banquett genannten Darstellungen, deren Zugehörigkeit zum Kreis des Asklepioskultus jedoch fraglicher Natur ist. Das Gemeinsame dieser sogenannten Totenmahle stellt die Speisung eines meist auf einem Bette in nachlässiger Haltung liegenden Mannes dar, der sich durch seine Größe von den die Lagerstätte umgebenden Personen unterscheidet. Neben dem Manne befindet sich meist noch in gleicher Größe gearbeitet eine Frau oder auch ein Mann, die in eine engere Ver- bindung mit ihm gebracht werden. Die Nebenpersonen nehmen eine ehrfurchtsvolle adorierende Haltung ein. Der auf der Kline liegende Mann ist oft so dargestellt, daß er seine Trinkschale aus- streckt, um eine Weinspende zu erhalten. Ein nackter Diener mit einer Schöpfkanne ist meistens in der Nähe. Vor dem Bett steht ein Tisch mit mannigfaltigen Speisen, der auf den späteren Exem- plaren dieser Darstellung kaum fehlt. Gelegentlich nun tühren die

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Anbetenden auch ein Opferschwein mit, und ein Ahar wird auf dem Rehef sichtbar. Kommt nun noch, wie auf dem Grabrelief (Friederichs-Wolters Nr. 1038) das Schlangensymbol hinzu, oder daß zu Füßen des meist bärtigen Mannes ein Hund kauert, oder daß (1039) die letzte der herantretenden Personen eine Kiste auf dem Kopf trägt, so wird die Ähnlichkeit eines Votivreliefs für Asklepios eine sich autdrängende. Auf der Mehrzahl dieser Toten- mahlreliefs wird noch ein Pterd sichtbar, entweder nur dessen Kopt, der oftmals ziemlich unmotiviert angebracht aus einem Rahmen her- ausschaut, oder auch ein ganzes Roß, welches vom Diener des \'er- storbenen herbeigeführt wird. Die deutsche Ansicht folgt der Er- klärung von M. Holländer'), welcher alle diese Reliefs für Totensteine hält; auf ihnen sei der heroisierte Tote dargestellt, dem seine Familie das traditionelle Mahl offeriert. Als Unterlage für diese Auffassung diente in erster Linie die Schlange, die Wächterin des Grabes, und das Pferd, welches in der alten Kunst das Symbol des Heros war. Es ist schwer für uns, sich in die antike Vorstellung hinein- zuleben, welche die Toten betrachtete, als wenn sie auch nach dem Tode die Tätigkeit des Lebens fortsetzten. \'on diesem Gesichts- punkte aus konnte die Antike Grabmäler Schäften, aut denen der Gestorbene die überlebende Gattin tröstet oder ihr die Hand reicht, oder sein kleines Kind herzt. So konnte die Idee populär werden, daß der Tote, vielleicht an seinem Geburtstage, am reichgedeckten Mahle Freude und Genuß findet. Gegen diese Ansicht, daß es sich um Totenmahle handelt, deren Erklärung sicherlich tür uns in vielen Punkten unklar ist und bleibt, wenden sich die Franzosen und namentlich Girard und macht folgende allerdings sehr schwere Bedenken geltend, denen wir die größte Bedeutung zuerkennen müssen. Als gewichtigsten Einwand müssen wir den anerkennen, daß diese angeblichen Totensteine innerhalb des Bezirkes des athe- nischen Asklepieion gefunden wurden, wo uns doch mit Bestimmt- heit überliefert ist, daß der heilige Bezirk durch Gräber verunreinigt

') M. Holländer, De anaglyphis seimlcralibus , ([uae coenam repraesentare dicuntur. Berlin 1865.

TELESPHORUS. I25

würde, und solche deshalb streng verboten waren. Es kommt hinzu, daß fast stets die Inschriften auf diesen Reliefs fehlten, nicht einmal irgend ein Hinweis auf die Person des Heroisierten zu erkennen ist, und das ist zum mindesten seltsam für ein Grab- monument. Die Unterschrift unter dem attischen Reliet im Briti- schen Museum (Fr. W. 1054), welches ein typisches Totenmahl darstellt, »Aeskulapio Tarentino« ist eine spätere Fälschung. Ein weiterer Punkt, der gegen die Auffassung eines Grahmonumentes spricht, ist die Kleinheit derartiger behauener Steine im Verhähnis zu den uns als Grabmäler gesicherten.

Dem gegenüber halten die Wage Argumente, die Ulrich Köhler') für die Anschauung, daß es doch Monumente des Toten- kultus seien, abgibt. Er weist darauf hin, daß im Asklepieion auch Totenfeierlichkeiten stattgefunden hätten zu Ehren von Asklepios- priestern, die Heroa, und daß dadurch der Totenmahlbefund er- klärbar wäre. Daß keine Inschrift die Steine schmückte, vergleicht er mit der Tatsache, daß auch Priester wie die \'erstorbenen nach Übernahme ihres Amtes den bürgerlichen Namen verlören und unter den allgemeinen Heroanamen fielen.

TELESPHORUS.

Wir haben schon mehrfach auf den Weihreliefs die erwachsenen Söhne des Heilgottes gesehen. Es ist uns dabei aufgefallen, daß sie ohne jegliches Attribut meist als nackte schöne Epheben ge- zeichnet wurden, durch ihre Göttlichkeit gleichgroß dem Vater. Ihnen dbt man die Namen Machaon und Podaleirios. Von zwei anderen Söhnen des Asklepios soll in folgendem die Rede sein, von denen der eine, miß- und unverstanden schon in der antiken Zeit, bisher geringe Beachtung gefunden hat, von denen aber der andere eigentlich erst in unseren Tagen wieder entdeckt wurde, ohne jedoch bisher legitim anerkannt zu sein. Zunächst Telesphorus. Es ist ein eigentümliches Schicksal dieses kleinen

') Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen, Bd. II, 1S77.

126

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

göttlichen Knaben, und wenn man will ein persönliches Mißgeschick, daß die großen monumentalen Statuen des Heilgottes, die an den Hauptverkehrswegen der Kunst stehen, den kleinen Burschen als Begleiter des 2;roßen Heilers vermissen lassen. Es ist außerdem ein

weiteres persönliches Pech für diesen Gott, daß er im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Eros, statt einen schö- nen gefälligen Bau kindlicher Glied- maßen zu zeigen, vollkommen in einen Mantel eingehüllt ist und daß dieser Mantel noch eine Kapuze trägt, aus welcher ein zum mindesten un- schönes, oft aber auch direkt ge- ^ ^ ^ w.- -^^F dunsenes Gesicht herausschaut. Als

W^/fm^^9m i'^1'' '^'o^ Jahren zum ersten Male in

\ / ''W ^ *^^^"^ Museum Borghese in Rom den

Knaben sah, da wußte ich nichts mit ihm anzufangen, und es ging mir, der ich die anderen großen statuarischen Darstellungen des Heil- gottes ziemlich kannte, wohl so wie der Mehrzahl der Ärzte, welche von diesem Zuwachs ihres göttlichen Pa- tronates keine \'orstellung hat. Ich habe mich seit jener Zeit für diesen Burschen gründlich interessiert und habe ihn in fast jedem Museum wiedergefunden; zwar nur ge- legentlich als Einzelfigur, die häufig genug noch falsch ergänzt ist. Diese Werke monumentaler Kunst, die den Gott allein oder als Nebenfigur darstellen, sind noch an den Fingern abzuzählen'), aber seine Darstellung in der Kleinkunst ist Legion. Wir finden ihn namentlich in dem hellenistischen Kunstgebiet häufig als kleine.

Pltot. Alinari. Rom, Villa Bprgliese.

F'g- 57- Telesphorus ?

,\ptike rest. Marmorstatue.

•) In Berlin ziert seine Figur ein Relief am Hause des General -Chirurgus Goercke, Dorotheenstr. 5.

TELESPHORUS.

127

ernsthatte oder karikierte Einzeliigur in Terrakotta, z. B. auch als Lampe verarbeitet (Fig. 38). Auch in Bronze steht er in mancher Vitrine, oft unerkannt und mit falscher Bezeichnung und vor allem auf Münzen und Gemmen. Das Wiedererkennen ist ungemein leicht, denn beinahe allzu charakteristisch ist sein Äußeres, welches aus der sonstigen Formenschönheit der hellenischen Kunst ganz herausfällt. Doch erfahren wir zunächst das Wenige, was wir von diesem Gotte durch lite- rarische Hinterlassenschaft wissen. Bei der Beschreibung des Asklepieion in Titane mit den beiden auffallenden Bild- säulen des Asklepios und der Hvgieia beider Körper ist umhüllt teils von weißen wollenen »Gewändern« , teils von einem Mantel aus geopferten Haar- flechten — sagt Pausanias (2. Buch XI 6): »auch die Bildsäule des Euamerion ist dort; diesem aber optern sie wie einem Gotte. Vermute ich recht, so nennen die Pergamener nach einem Orakelspruch diesen Euamerion Telesphorus, die Epi- daurier aber Akesis« ! Zur Erklärung dieser Worte müssen wir noch ergänzend nach- tragen, daß neben dem Standbild unseres Dämonen der Sohn des Machaon Alexanor ein Standbild hatte. Diesem Enkel des Heilgottes aber opferten sie wie einem Heros, d. h. nach Sonnenuntergang. Darauf bezieht sich die Stelle, daß man dem Telesphoros wie einem Gotte, d. h. bei Tagesanbruch opferte. Die sonstigen literarischen Erwähnungen des göttlichen Begleiters sind recht wenig zahlreich. Ludwig Schenk') notierte seine Erwähnung bei dem Rhetor

Fig. 58. Telesphorus als Terrakottalampe.

') Ludwig Schenk, De Telesphoro deo. Inauguraldissertation Göttingen iS88.

128 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ®

Aristides und bei Marinus. In beiden Fällen erschien der Gott beim Tempelschlaf und brachte sowohl bei einer akuten wie bei einer chronischen Krankheit Krisis und Lysis mit Ausgang in Heilung.

Bei den wenigen existierenden Einzelfiguren muß man schon deshalb gelegentlich an Verwechslungen mit Knabendarstellungen anderer mythologischer Herkunft denken, weil fast immer der- artige durch Ausgrabungen gewonnene Marmorfiguren bruchstück- weise zutage gefördert und ergänzt wurden. In Betracht kommen hierbei Herakles als Kind, Telephos, Harpokrates oder auch Eros. Außerdem werden wir nicht in der Annahme fehlgehen, daß auch die Spätantike in der Verkennung des Wesens dieses kleinen Gottes dessen Äußeres zu genrehatter Darstellung benutzt hat. Ich denke dabei z. B. an die liebliche, wenn auch auttallende Knabenstatue mit der Lampe im Thermenmuseum in Rom; anderseits aber erhellt aus den schönen Karikaturen dieser Persönlichkeit, daß der kleine Gott im Leben des Volkes eine gewisse Rolle spielte. Auch die Marmorfigur des Berliner Museums (Katalog Nr. 488) , die wohl ohne Zweifel unseren Heildämon vorstellen soll und von der sich Repliken in London und Paris befinden, wird im Katalog nur als Knabe im Mantel erwähnt. Unsere Abbildung zeigt eine Statue aus der \'illa Borghese, welche mit der Berliner ziemlich überein- stimmt und die man als eine abweichende Darstellung des Heil- dämonen auttassen kann. Die Figur wird jetzt noch aufgefaßt als kindlicher Hermes, wie er sich, von Apollo wegen seines Rinder- diebstahls gesucht, in ein Bettuch gewickelt und versteckt hat. Die Werke der ersten Zeit und namentlich diejenigen hellenistischen Ursprungs zeigen allerdings eine andere Gewandung, indem der Kopf in einer Kapuze steckt und der Mantel bloß bis zur Mitte der Unterschenkel geht.

Doch wechselt diese Kleidung auch bei den Darstellungen dieser kleinen Persönlichkeit, die durch den großen \'ater in ihrem Wesen sichergestellt sind. Als Einzelfigur beschreibt Schenk noch eine Statue aus rotem Marmor in dem nicht zugänglichen römischen Privatmuseum Torlonia.

TELESPHORUS.

129

Oris.-Au/n. Rom, l'iäa ßprghese.

Fig- 59- Asklepios und Teiesphorus.

Holländer, Plastik und Medizin.

130 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^

Betrachten wir nun zunächst einmal den Gott zu Füßen des großen Vaters in der Sammlung der \'illa Borghese in Rom (s. Fig. 39). Die ziemlich mäßige Statue des dahinschreitenden und den Schlangenstab in der rechten Hand fassenden Gottes brauchen wir nach dem austührlich geschilderten Tvpus nicht be- sonders zu analysieren. Neben ihm zur Linken, dort wo sonst der Omphalos steht, erhebt sich ziemlich unmotiviert die selt- same Figur dieses Knaben. Er steht da, um mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen, Fuß bei Fuß mit durchgedrückten Knieen, in militärischer Haltung, die Arme auftallend nach vorne gehoben, wodurch das hemdartige Gewand eine z^rt Glockenform erhält. Auch die bilateral svmmetrische Anordnung ist seltsam und merk- würdig. Das Gewand setzt sich nun in eine Kapuze fort, die man fälschlich als phrygische Mütze bezeichnete. Die Kleinheit der Figur wird gemildert durch den rundlichen Untersatz, auf dem der Bursche steht. In das Denkmal als Ganzes ist etwas mehr Geschlossen- heit dadurch gekommen, daß die linke Hand des Gottes sich nicht in gewöhnlicher Weise aufstützt oder im Gewände verbirgt, sondern daß sie einen Salbentopf in der Hand hält.

Viel interessanter ist die Statue im Palazzo Massimo in Rom (Fig. 6ü). Hier sehen wir zunächst eine interessante Abweichung von dem epidaurischen Tvpus des Gottes. Eine kraftvoll in über- mäßiger Größe und Gesundheit strotzende robuste Männergestalt steht vor uns in der tvpischen Pose. Er stützt sich nicht auf einen Stab, der hier zu einem kleinen Baum ausgewachsen ist, an dem sich eine ganz kolossale Riesenschlange emporringelt, sondern er hält ihn nur mit erhobener Hand. Neben diesem Krattmenschcn verschwindet beinahe das kleine Männchen, dessen Ausführung aber, was Haltung und Stellung anbetritit, absolut tvpisch ist und ofl'enbar eine ge- treue Kopie eines alten überkommenen \'orbildes. Haben wir uns erst einmal dieses groteske Götterbildchen gemerkt, so werden wir einerseits es nie vergessen, anderseits uns auch tür die Autlösung- des Rätsels interessieren, welcher Charakter, welches Wesen ihm innewohnte, welchen Gedankens mvthologische Verkörperung er

TELESPHORUS.

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PJwt. Moscioni. Koni, Falazzo Massimo

Fig. 60. Asklepios mit Teiesphorus.

132

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

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Fig. 61. Antike Elfenbeinplatte.

TELESPHORUS.

133

'^.)

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Orig.-Aufn,

Fig. 62. Telesphorus

zwischen Asklepios und

Hygieia.

Münze aus Apamea in Eithynien.

bedeute, und dann aus welchem Grunde diese Körperform. Bevor wir nun an die Auflösung dieser Figur gehen, müssen wir noch erwähnen, daß er auch namentlich auf Münzen und Gemmen neben und in \'erbindung mit der Hvgieia und auch in ihrer Mitte als Heiltrias vorkommt. Ja wir hnden ihn ge- legentlich einmal auch zur Seite der Ceres. Als letzte Kombination begleitet er den Sarapis oder die Isis manchmal neben dem dicken gedun- senen Harpokrates, Gottheiten, deren Kulte aus Ägypten übernommen wurden und Irühzeitig zu dem des Asklepios in Beziehung traten. W'ir würden aus all diesem kunstarchäologi- schen Nachlasse auch unter Zuhilfenahme der literarischen Notizen doch vor einem Rätsel stehen, wenn uns die Numismatik nicht zu Hilfe käme. Denn es ist selbstverständlich, daß diese autfallende Körperform eine ganz bestimmte \'oraussetzung haben muß. Man klammerte sich zu- nächst zur Erklärung des mythologischen \'organges an die ver- schiedenen und doch alle gleichlautenden Namen des Gottes, die alle auf dasselbe hinauslaufen, des \^ollenders, des \'ollbringers, des Gottes des Wirksamen, des Endebringers, und konstruierte daraus d a s Prinzip der R e k o n \' a 1 e s z e n z , der Genesung, indem man die auffallende Figur und Tracht durch den Hinweis auf die Vermum- mung und die Heimlichkeiten der Mysterien zu erklären suchte oder auch auf das Nationalkostüm der Thrakier, bei denen sein Kult schon frühzeitig nachgewiesen war. Doch alle diese Erklärungen befriedigen nicht. Der ganze Mythus des Heil- gottes zeigt seine rein überirdische Natur und auch eine von mensch- lichem Können weltferne Heilkraft: durch das Orakel, durch gött- liche Inspiration.

Als Svmbol der rein dämonischen Kratt steht zu des Gottes Füßen der Omphalos, der Nabel der Erde, Sitz und Stelle der Orakelspende.

Orig.-Au/n.

Fig. 63. Münze aus Nil<äa in Bithynien.

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Er versinnbildlicht gewissermaßen den göttlichen Gedanken in der Heilkunde. Doch mit der Inkubation allein war es meist nicht getan, der Weg zur Gnade ging oftmals über Hindernisse hinweg, die der Klient erfüllen mußte. Es wurden Ratschläge erteilt, wie uns das im Detail z. B. die Kur des Apellas beweist. Solche »telesphorischecc Mittel zur Genesung waren nicht nur Baden und Gurgeln, Salben und Bäder, Aderlaß und Operation, sondern auch gelegentlich kompliziertere, wie der Antritt einer Badereise oder ähnliches. Es arteten manchmal, wie des Aristides Beispiel zeigt, die anempfohlenen Mittel in arge Plackereien aus. Es ist nun klar, daß dieser kleine Heilgott dem Xamen nach und auch seinem inneren Wesen nach alles das in sich vereinigt und körperlich zum Aus- druck bringen sollte, was äußerlich noch neben göttlichem \\'illen und Rat zur Heilung hinzukommen mußte: das technische Prinzip der Medizin, die Betätigung, die E r t ü 1 1 u n g des göttlichen Befehls. W'n haben in unserer Betrachtung gezeigt, daß die Statuen des Heilgottes aus der besten Zeit Em- bleme rein medizinischen Könnens vermissen lassen; sind solche vorhanden, so beweisen sie Epigonenzeit oder angeflickte Er- gänzungen Unwissender. Der Gott steht da in reiner Schönheit; schon besorglicher Ausdruck oder grübelnder Sinn liegt ihm fern. Hält er eine Schriftrolle, so mögen Naive das aut das Studium eines Buches beziehen. Es ist nur das Bittgesuch eines Heilflehenden, das er in der Hand hält.

Später gingen natürlich, wie fast bei der Mehrzahl mythologischer Vorstellungen und Darstellungen, solch reine Begriffe verloren. Von diesem Standpunkt aus betrachten wir die I:lfenbeinschnitzerei, welche jetzt im Liverpooler Museum autbewahrt wird (Eig. 6i), deren Gegenseite wir bei der ^'erkörperung der Hygieia betrachten wollen. Die Darstellung des Heilgottes erinnert in der Klobigkeit an das Monument im Palazzo Massimo. Nur hat der Künstler noch einen Gestus hinzugetan, der die Epigonenzeit charakterisiert. Der Gott kraut sich nachdenklich im Barte und hält gleichzeitig in der Hand eine Schriftrolle. Die Schnitzerei ist deshalb tür uns

TELESPHORUS. 1 3 3

von Wichtigkeit, weil Telesphorus auf derselben als in einer Schriftrolle lesend dargestellt wird, gewissermaßen die Personi- fizierung der Büchergelehrthcit.

Die Auffassung, daß dieser Sohn des Heilgottes das Emblem dessen ist, was menschlich in der Medizin und der Heilkunde ist, diese Vorstellung und Anschauung wird mir zur Gewißheit durch einen Fund, der in Milet vor kurzer Zeit im großen Apo- dyterionsaal der Thermen der Kaiserin Faustina von Prot. Wie- gand') gemacht wurde (Fig. 6j). Als Ausdruck der werktätigen und selbst chirurgischen Hilfe, die ja durch die Heilberichte für die athenischen und epidaurischen Kultstätten literarisch bewiesen ist, zeigt die jetzt in Konstantinopel im Nationalmuseum autgestellte, sonst recht mäßige Statue aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert zur rechten Seite des Gottes den Knaben im Mantel, der vor der Brust ein chirurgisches Trousseau hält. In dem Besteck sind deut- lich einzelne Instrumente und eine Schere zu erkennen (Fig. 66). Es muß die Bildsäule übrigens in einem Rahmen gestanden haben, so daß der kleine Heilgott an eine glatte Wand anstieß, denn das rechte äußere Ende zeigt keine Bruchstelle, sondern eine glattwandige Fläche. Es ist durch diesen glücklichen Fund der Beweis geliefert, daß hier menschliches Können symbolisiert werden sollte. Der Zeusenkel hat nur die göttliche Idee, er bedarf zu ihrer Ausführung des Endebringers, des Gottes der wirksamen Vollendung, ja auch des Gottes der chirurgischen Hüte.

Wie aber kommt der Gott zu dieser sonderbaren Gestalt, zu dieser auffallenden F'orm? Es ist für die Idee selbst von gewissem Interesse mitzuteilen, daß mittlerweile bereits ein anderer veröflent- licht hat, was ich aus eigener Überlegung seit langem nieder- geschrieben hatte, daß nämlich sich die Gestalt dieses Gottes aus der Form des Sc hr opfkopfes entwickelt habe. Ich meine, daß das Studium der Verhältnisse unabwendbar zu dieser Auf- fassung führen mußte; obwohl sie zunächst, wie ich mittlerweile

'1 S. Abh. der Kgl. Pr. Akad., Anh. 190S, S. 18 und 7. Bericht über die Ausgr. in Milet, 1911, S. 30, ibid.

136

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Orin.-Au/ii.

Fig. 64. Münze

von Aegiale mit

Schröpf köpf.

von Archäologen höre, auf Gegnerschaft stößt. Svoronos, der Direktor der athenischen Münzsammlung, hat aus der Tatsache, daß kleinasiatische Münzen aus alten Kult- und Badestätten gewisser- maßen als Wappen ihrer Münzen zunächst einen Schröpfkopt, in späterer Zeit dagegen das Bild des Telesphorus zeigten, den Üher- gang der einen Form in die andere behauptet, und ihm gebührt deshalb auch die volle Priorität dieses Gedankens, zu dem ich aut anderem induktivem Wege gekommen bin.

Mit der Krklärung und Deutung der Embleme beschäftigt, die neben dem Heilgotte stehen, glaubte ich zunächst den rundlichen - . . Kegel mit dem von mir als Emblem antiker ärztlicher

und namentlich auch wundärztlicher Kunst statuierten Schröptkopt identitizieren zu können. Nachdem sich dieser aber als die verkleinerte Ausgabe des delphi- schen Orakelsteines unzweiielhatt erwiesen hatte, und ich auf Reliefsteinen (namentlich der athenischen Basis) die frühe Form der Schröpfköpte mit dem anhaftenden Ring kennen gelernt hatte, ergab sich wie von selbst die andere Lösung.

Die Vorarbeit in numismatischer Beziehung hat auch ein Kol- lege getan; Dr. Lambros'), der auf einzelnen Münzen, namentlich von Aegiale Schröpfköpfe nachgewiesen hat. Auch diese Ansicht wurde zunächst bestritten, ist aber dann spater anerkannt worden. Wir zeigen nebenstehend die Abbildung einer Münze von Aegiale, welche auf der einen Seite den Kopf des Asklepios zeigt, aut dem Revers aber Schröpfkopf und Schlange. Die Glockentorm dieses Schröpfkopfes ist besonders typisch. Auf den Schröptkopf als Emblem werden wir noch im Zusammenhang zurückkommen, und wollen wir nur noch daraut hinweisen, Awil) diese Darstellung mit der des 'Felesphorus im kleinasiatischen Münzgebiet ab- wechselt. \'om Kaiser Hadrian abwärts tinden wir diese kleine Gottheit ganz besonders im östlichen, asiatischen Griechenland, in Bithynien, Mysien, Lydien, Pamphylien, Kilikien, Kappadokien,

') K. n. 1, AcfjJLit^ii;. Uiy. aiv.iiiüv v.ai S'.v.ua^sojj -rj.'j'j. xol; 'j.'j/'i:ri:;,. AfKjvai 1895.

TELESPHORUS.

137

Orijl.-Au/u. Komtantiuofcl

Fig. 65. Asklepios (Wiegand) mit Telesphorus.

138

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Phrygien, lonien, auf den Inseln Lesbos, Samos, als Gegenstand lokaler Verehrung. Asklepios selbst trägt manchmal den Namen

■.Ori^.-Aitjn.

Fig. 66. Detail der Vorigen.

Telesphorus, und so ist es erklärlich, daß des Sohnes Ruhm an vielen Orten den des \'aters iiberstrahlte. Es kommt hinzu, dem Sinne unserer Auslegung gleichlautend, daß z. B. lür das perga-

TELESPHORUS.

139

menische Heiligtum eine aktivere Therapie und auch die Verwendung des Schröpf kopfes in ausgedehntem Maße historisch belegt ist.

Gerade das Eindringen dieser kleinen Gottheit in die Darstel- lungen der Kleinkunst im hellenistischen Kunstgewerbe spricht tür die große Popularität derselben. Im athenischen Xationalmuseum existieren allein zahlreiche Terrakottafiguren des Gottes. Im gleichen

Orig.-Au/n. Kopenhagen, Thorivaldsen- Museum .

Fig. 67. Telesphorus. Kutte abnehmbar.

Fig. 68. Telesphorus als Schröpfkopf(.').

Sinne sind Karikaturen des kleinen Gottes aufzufassen, denn wenn man eine Person und ihr Äußeres im Zerrbiide zeigt, so ist für das Verständnis derselben die intime Kenntnis des Vorbildes Voraussetzung.

Einmal hat sich in die Kutte des Telesphorus ein Silen ver- steckt, kenntlich an seinen spitzen Ohren; ein interessantes Zerr-

140

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

bild aber dieses kleinen Kuttengottes, der menschliche Weisheit und menschliche Geschicklichkeit verkörpert, steht unerkannt im Florentiner etruskischen Museum unter den ita- lienischen Bronzen. Hier grinst aus seiner Kutte der Kopf eines Esels. Als letzten Schlußstein, der diesem hypothetischen Gebäude sichere Basis gibt, existieren Telesphorusdarstellungen, welche den Übergang zeigen des Apparates selbst zur Gottheit. Die Funde in Wien (Sacken, Ant. Skulpt. XXXn', 3), in Mainz (Lindenschmit, Die x^ltertümer unserer heidnischen \'orzeit, Mainz 1838, I\', 647), und ferner ein gleichlautender in der Societe Archeolog. de la Province Constantine 1879I80, pl. 2], beschrieben und abgebildet, zeigen uns mehr oder weniger einen Schröpfkopf oder chirurgische Instrumente ähnlichen Zweckes, in deren oberen Teil nur ein Gesicht hinein- gezeichnet ist, der sonst aber die Silhouette des glockenförmigen Apparates unverändert erkennen läßt').

Orig.-Au/n. l;,-rlin.

Fig. 69. Silen in

der Stellung des

Telesphorus.

Orig.-Aufti.

Fig. 70. Telesphorus, kleinasiatische ^lünze.

HYGIEIA.

Unter den Asklepiaden, denen die Griechen göttliche Verehrung zuteil werden ließen, gebührt der Hygieia, der Tochter des Asklepios, in dem Maße die erste Stelle, als sie, die l'ochter, gewissermaßen

') -Aus dem mir vorliegenden Gipsabguß der JMainzer Bronze ist der Zweck des hinter dem Kopf ansetzenden Röhrchens nicht ersichtlich; es scheint auch, daß ein Boden später angelötet wurde.

HYGIEIA.

141

den Rang einnahm, der sonst der Gattin gebührt. Bei den Oro- piern im attischen Lande gehörte der vierte Teil des Ahares fol- genden Heilgöttinnen: der /Aphrodite, der Panakeia, der Jaso, der Hygieia und der Athene Paionia. Die Tochter Aigle ist hier ver- gessen. Ob diese dieselbe ist, die sonst als Mutter der Chariten

i'HL't. Ali/Ulli, l'atikan.

Fig. 71. Äskulap und Hygieia.

bekannt ist, kann ich nicht feststellen. Eine andere, ebenfalls »Glänzende« genannt, wurde in eine Pappel verwandelt. Bei der Hygieia tritt die Personifikation eines Begriffes mehr in den Vorder- grund, das legendäre Persönliche verschwindet. Variationen ihres Kultus sind meist lokaler Herkunft. So erwähnt Pausanias die ägyptische Hygieia (II, 276). Die Hochburg ihrer Verehrung aber

142

DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

war wohl in Athen und auch sonst im Peloponnes. In Rom wurde sie als Valetudo verehrt und später mit der Salus identifiziert. \'iel- Icicht in noch höherem Grade wie heim Heilgotte rettete sich

Orig.-Attftt. KoHstaniinopel, Otto/r:. Museum.

Fig. 72. Asklepios und llygieia.

diese schöne Griechenjungtrau, züchtig in ein Gewand gekleidet und nur eine Brust gelegentlich enthüllend, in die späteren lipochen, und noch heute ist ihr Bildnis für alle Dinge, welche aut die

HYGIEIA. 143

Hygiene Bezug haben, der beliebteste symbolisch -künstlerische Ausdruck. Ihre statuarische Form ist in vielen mehr oder weniger erhaltenen Marmorwerken auf uns gekommen. Wir sahen bereits die Göttin neben dem Vater auf den zahlreichen Reliefdarstel- lungen. Hier steht sie meist in einer vertraulichen Stellung zur Seite des Vaters, ohne sonstiges charakteristisches Beiwerk (s. Fig. 46,

48> 49= 3 0-

Für diese vertrauliche Gemeinschaft bringen wir zwei Zeugnisse.

Das eine, die interessante Skulptur aus dem Vatikan. Das Har- monische der Gruppe, welche ein ausgezeichnetes hellenisches Original zur Voraussetzung hat, leidet dadurch, daß beide Köpfe, wenn sie vielleicht auch antik sind, sicher , . „., —^

nicht zu diesen Körpern gehören. Pius VI. r^'' V '

verdanken wir den Fund bei den Ausgrabungen '•./

uf dem Forum von Präneste, dessen Ruinen .'1 // ' l''\'tr^

aut dem rorum von rranesie, uesbcu ivuiucn '^ / ^ .' ')'[')

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des Orakeltempels der Fortuna (s. Fig. 71). :/ jt.'^y^^'-y/

ietzt noch eine Idee geben von dem Aussehen f\ ''/fl-.''/

Als ein Relief der Spätzeit zeigen wir das

Marmorstück aus dem Stambuler Museum, '^" "■. .

Thronende Hygieia, die

welches wahrscheinlich in der Gegend von heilige Schlange fütternd.

. . - , , ^ , >^ /^T" N Münze VOD Hierapnlis in Phrygien.

Saloniki gefunden wurde (47 -60 cm) (Fig.72j. Vor einem Dreifuß, um den sich die Schlange gewickelt hat, sitzen beide Gottheiten in einer vertraulichen, familiären Stellung. Dem Gott ist sein Gewand heruntergeglitten. Man muß sich erst orien- tieren, wie die drei sichtbaren Füße den beiden zuzuteilen sind. Hygieia trägt ein Ärmelgewand; der bekränzte Gott hält in der Linken den Stab, den er sich eben abgeschnitten hat, ein Laub- büschel befindet sich noch an ihm. Fr sieht interessiert zu, wie seine Nachbarin die Schlange lüttert.

Archäoloa;ischerseits gewöhnte man sich, die dem \^Uer zunächst stehende jugendliche Gottheit als Hygieia anzusprechen. Pausanias erwähnt eine ganze Reihe von Bildsäulen der Hygieia, so eine in Korinth aus weißem Marmor, eine in Titane, von der wir schon erzählten, daß sie eingehüllt war von Frauenhaaren, die ihr zuliebe

144

DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

abgeschnitten wurden. \'on der Bildsäule der Hygieia von Me- o-ara erwähnt Pausanias, daß Brvaxis sie gemacht habe. Unter den

Weihgeschenken an vielen Orten wird neben dem Asklepios oft eine Bild- säule der Hygieia erwähnt, so in Elis und in Olvmpia. »Damophon aus Messene ist der \'erfertiger der Bild- säulen der Hvgicia und des Asklepios von Aigion.« Was der Perieget hier- über sagt und an dieser Stelle sagt, ist interessant genug, um hier wört- lich wiedergegeben zu werden. »Die Algier haben ein altes Heiligtum der Eileithyia. Das Schnitzbild ist mit Ausnahme des Gesichts und der Hände und büße, welche von pen- telischem Marmor sind, vom Kopte bis zu den Fußspitzen mit einem feinen Schleier verhüllt; von den Händen streckt sie die eine gerade- aus, in der anderen hält sie eine Fackel (siehe Juno Lucina, Rom). Als Grund dafür, daß die Eileithyia Fackeln hält, darf man vielleicht ver- muten, daß den Frauen die Wehen gleich Feuer sind. Die Fackeln kön- nen aber wohl auch darin ihren Grund haben, weil die Eileithyia es ist, welche die Kinder ans Licht führt. Das Bild ist ein ^^'erk des Messeniers Damo- phon. Nicht weit von der Eileithyia ist ein heiliger Bezirk des Asklepios und Bildsäulen der Hvgieia und des Asklepios. Eine jambische Inschrift am Sockel sagt, Damophon aus Messene sei der Verfertiger.

Fig. 74. Hygieia.

HYGIEIA. 145

In diesem Heiligtum des Asklepios geriet icli mit einem Sidonier in Streit, welcher behauptete, die Phoiniker hätten überhaupt eine bessere Einsicht von göttlichen Dingen als die Griechen, und nament-

riiot. .;. '". Kapital. Fio. 75. Hygieia. Rom. Porträtstatue in archaischer Auffassung.

lieh auch darin, daß sie dem x\sklepios als Vater den Apollo zu- schreiben, aber kein sterbliches Weib als Mutter. Denn Asklepios sei die dem Menschengeschlecht und allen lebenden Wesen zur Gesundheit nötige Luft, Apollo aber die Sonne; mit vollem Rechte

Holländer, Plastik und Medizin.

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DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS.

®

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Ori^.-Aufn. nach Gi^sadg^u/s. Liz-cr/ool, Museum.

Fig. 76. Diptychon. Antike Elfcnbeinplatte. Gegenbild zu Fig. 61

HYGIEIA.

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nenne man ihn \'ater des Asklepios, weil die Sonne, indem sie ihren Laut" zum richtigen Wechsel der Jahreszeiten macht, dadurch

iijuiiLii iuuL«. .^.-i a.u.n.uii

Plwt. Alinari. Rom, Kapitolinisches Museum.

Fig. 77. Votivrelief an llygieia.

auch der Luft die Gesundheit mitteilt. Ich erwiderte daraut, daß ich das Gesagte annehme, daß aber diese Ansicht den Phoinikern durchaus nicht mehr als den Griechen eigen sei, indem ja zu

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DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS.

Titane im Lande der Sikyonier dasselbe Bild (des Asklepios) auch Hygieia genannt werde, und es jedem Kinde Idar sei, daß der

Sonnenlaut den Menschen auf Erden die Gesundheit schaffe«.

Das mehr Unpersönliche dieser Gesundheitsgöttin geht auch schon daraus hervor, daß eine \'ersch\viste- rung ihres Wesens mit anderen Gott- heiten o-elegentlich eintritt. So hatte auch die Athenestatue den Beinamen der Hvgieia, und außer in Athen seihst stand ihr Altar auch bei den Acharnern (I.Buch 31, 6). Es wird angenom- men , daß ursprünglich diese charak-